Liebe auf den zweiten Blick

- Wenn der Etrusker Tarquinius - Prince of Rome - im die Muskeln umspannenden T-Shirt, die Whiskey-Bottle in der Hand, mit federnden Sprüngen über Bank und Spind springt, dann ist schlagartig klar: Dieser Kerl strotzt vor Energie, ist ein drahtiger Draufgänger - im Feld wie im Bett. Keineswegs unsympathisch. Bei der englischen Film- und Theaterregisseurin Deborah Warner darf er's zeigen. Sie hat Benjamin Brittens 1946 komponierte Kammeroper "The Rape of Lucretia" ("Die Schändung der Lucretia") im Münchner Prinzregententheater als zweite Festspielproduktion inszeniert. Bei der Premiere am Montagabend wurde sie zusammen mit dem expressiv dirigierenden Ivor Bolton, dem kleinen Musiker- und Sänger-Ensemble heftig gefeiert.

<P>Doch bis zur Pause zweifelte manch einer, ob Brittens hierzulande äußerst selten aufgeführtes Werk tatsächlich die richtige Wahl war oder nur Peter Jonas' Favorit bleiben würde. Aber "Lucretia" entpuppte sich als Liebe auf den zweiten Blick. Kein Wunder bei ihrer stilistisch uneinheitlichen Faktur. Deborah Warner und ihr Bühnenbildner Tom Pye stellen sich dieser mutig und erzählen die zeitlose Geschichte um politische und sexuelle Macht klar, ohne konkrete Aktualisierung, bleiben nah am (englischen) Text, weben kurze Filmsequenzen ein. So gewinnt die Kammeroper, mit der Britten nur ein Jahr nach seinem großen, formal traditionellen Wurf des "Peter Grimes" Publikum und Presse irritiert hatte, zunehmend Fasson und Spannung.<BR><BR>Die bis zur Brandmauer aufgerissene, schwarze Bühne ist fast leer: Nur ein paar Lager-Utensilien sind auf der spiegelnden Spielfläche verteilt, wenn Male und Female Chorus, Ian Bostridge (Tenor) und Susan Bollock (Sopran), auf die Bühne kommen. Zwei engagierte, gleichwohl lässig wirkende Beobachter, Chronisten, Kommentatoren in dunkler Hose und weißem Hemd. Sie bleiben keine Randfiguren, sondern bewegen sich mitten unter den Akteuren, sind hautnah an ihnen dran, aber auch am Publikum. Beide treffen Brittens Ton, der zwischen neutralem Berichten, emotionaler Ergriffenheit und christlich-moralischer Beurteilung schwankt, überzeugend.<BR><BR>Optisch wird die karge Bühne mit stilistisch wechselhaften Mitteln belebt: Der schwarzweiße Frauenakt, der vor Beginn über der Szene schwebt, wird an den später von Sternen übersäten Nachthimmel geblendet - als Wolke. Hernach, beim Ritt des Tarquinius nach Rom, malträtieren den Körper filmisch galoppierende Reiter. Trotz stilistischer Überhöhung vielleicht doch eine zu direkte Bebilderung der aufwühlenden Musik, die hier alles, wirklich alles sagt.<BR>Schnitt dann zum beinahe (auch musikalisch) idyllischen Ort der Frauen, Lucretias Haus, das drei schmale Bänke markieren: Ruhemöbel für die wartende Herrin mit Rotweinglas oder Arbeitstisch für Amme und Dienerin, die Leintücher (Text) falten. Stärkere optische wie dramaturgische Geschlossenheit herrscht in den Bildern des zweiten Aktes: Zum politischen Aufruhr der von den Etruskern beherrschten Römer schieben sich bühnenhohe Drahtkäfige über die Szene. Sie sind bestückt mit bizarren, wild-"wuchernden", abgestorbenen Ästen: vieldeutige Anspielung auf das fremd beherrschte Volk, aber auch auf das Individuum und seine Begierden.<BR><BR>Zur Vergewaltigungsszene, die zärtlich wie eine Liebesszene beginnt, rückt ein grell-weiß erleuchtetes Bett ins Zentrum. Hier stellt die Regisseurin noch einmal klar: Tarquinius (Christopher Maltman) ist zunächst ein sanfter Verführer - eigentlich ausgezogen, Lucretias Standhaftigkeit zu beweisen. Und Lucretia (Sarah Connolly) ist eine Frau, die ihren Mann Collatinus liebt, aber schon lange auf ihn wartet. Zu lange? Den Prinzen hatte sie bei seiner Ankunft zwar angstvoll begrüßt, sich aber anmutig zu seinen Füßen gesetzt. Nach seinem Eindringen ins Schlafzimmer eskaliert die Situation, und der "Tiger im Wald ihrer Träume" (ein Fall für Freud) nimmt sie mit Gewalt.<BR><BR>In seiner herben Poesie korrespondiert das von Blumen übersäte Schlussbild wunderbar mit der Musik. Wenn Lucretia sich ersticht, dann macht Sarah Connolly deutlich, dass nicht nur der Verlust der Keuschheit sie dazu antrieb. Ihre Lucretia richtet sich, weil sie zuließ, dass in ihrem Herzen "das Gewebe unserer Liebe" zerfetzt wurde.<BR><BR>Fast ungeschminkt, ohne Perücken und in Alltagskleidung formieren sich alle Sänger - unter ihnen Allan Held (Collatinus), Martin Gantner (Junius), Anne-Marie Owens (Bianca), Deborah York (Lucia) - zu einem ausdrucksstarken, homogenen Ensemble. Gleiches gilt für die insgesamt 14 Musiker (Streich- und Bläserquintett, Harfe, Schlagzeug), die Ivor Bolton (Klavier) hochsensibel leitet. Ob im fein gesponnen Duo oder Trio, ob im flächig changierenden oder erstaunlich massiven Tutti, er setzt genaue Akzente und sorgt für eine höchst lebendige Klangsprache von Anfang an. Die meist düstere Grundstimmung lädt er expressiv auf und gibt dabei die von Tonalität und Lyrismus unangefochtene Herbheit der Musik nie preis.<BR></P><P> </P>

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