Liebesaffäre mit einer Symphonie

- Als höflicher Herr des Hauses in nobler Villenlage ist er sofort vorstellbar. Der die Gäste mit freundlichem Smalltalk und Wohlschmeckendem umgarnt, vielleicht noch ein paar Börsentipps gibt. Doch der Mann hat eine Obsession. Gilbert Kaplan nennt es zwar "Liebesaffäre". Aber wer mit 25 Jahren erstmals Mahlers zweite Symphonie hört, ihr verfällt, sich das Dirigenten-Handwerk aneignet, um ab 1982 ausschließlich dieses Stück zu dirigieren, der bewegt sich, nun ja, etwas abseits der Normalität.

"Anfangs haben die Orchester bestimmt gedacht: Mein Gott, was für ein komischer Vogel. Wer hat denn den eingeladen?" Der heute 65-Jährige denkt da ganz realistisch. Solche Vorurteile dürften mittlerweile widerlegt worden sein. Bei 55 Orchestern hat der New Yorker seither Mahlers Zweite dirigiert - so häufig wie kein anderer Dirigent unserer Zeit. Kaplan ist tief in den Kosmos der "Auferstehungssymphonie" eingedrungen, hat ein Mahler-Forschungsinstitut gegründet, zwei CD-Produktionen vorgelegt. Und er hat eine kritische Neuausgabe der Partitur veröffentlicht, die über 500 Fehler der bisherigen Edition beseitigt. Erstmals in Deutschland ist das Ergebnis am Ostersonntag in München zu hören: Gilbert Kaplan dirigiert "sein" Werk bei Chor und Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks in der Philharmonie.

Dass Kaplan den Start eines "zweiten Lebens" vor allem seinen finanziellen Möglichkeiten verdankt, darüber macht er sich keine Illusionen. Als Verleger und Herausgeber der Wirtschaftszeitschrift "Institutional Investor" und erfolgreicher Wall-Street-Banker hatte er genug Vermögen angehäuft, um sich seine "Liebesaffäre" zu leisten - und um sich sogar das Autograph der Partitur zu kaufen. "Warum berührt mich gerade diese Musik? Ich kann es nicht erklären", sagt er heute. "Aber ich dachte damals, ich kann der Sache nachgehen."

Also übte er mit einem jungen Dirigenten 30 Tage lang jeweils sieben Stunden. Dann "organisierte" er eine Gruppe von Musikern, führte den ersten Satz auf - "und es ging irgendwie". Sieben weitere, intensive Monate verstrichen. "Morgens und abends übte ich, dazwischen kümmerte ich mich um meine Firma. Ich wurde immer mutiger. Viele Menschen, die sich ins Unbekannte aufmachen, scheuen das Risiko. Ich gebe zu, mein Business-Hintergrund hat mir da geholfen."

"Anfangs haben die Orchester bestimmt

gedacht:  Wer hat denn den eingeladen?"

Gilbert Kaplan

Die Initialzündung für Gilbert Kaplan war ein Konzert mit Leopold Stokowski. "Wenn ich Stokowski jetzt wieder höre, dann finde ich seine Auffassung gar nicht mehr so gut. Aber das geht doch uns allen so: Wer erstmals Beethovens Neunte erlebt, ist schließlich immer überwältigt, egal wie gut die Interpretation ist."

Sich stets neu zu motivieren, fällt Gilbert Kaplan offenbar nicht schwer. "Ich dirigiere Mahlers Zweite ja gar nicht so häufig. Dieses Jahr fünfmal, das ist relativ viel. Ich will einfach unbefangen bleiben." Das geht so weit, dass Kaplan vor jedem Gastspiel mit einer neuen Partitur ohne Eintragungen auftaucht - "ich schreibe einfach zu viel in die Noten."

Zweimal ist Kaplan bislang der Zweiten untreu geworden. Für eine CD dirigierte er das Adagietto aus der Fünften. "Das war mir immer zu langsam." Kollegen brauchen 14, 15 Minuten, Kaplan war nach acht Minuten beim letzten Takt. Beim zweiten "Fremdstück" handelt es sich ums berühmte, Pathos-schwangere "National Anthem" der USA.

Als Kaplan nämlich Mahlers Zweite in der Hollywood Bowl aufführen wollte, wurde ihm nach der letzten Probe mitgeteilt, das Anthem sei hier so üblich. Kaplan bat um eine Probe. "Da sagte man mir: Schauen Sie aufs Orchester, dann klappt es." Doch wie beim Adagietto schlug Kaplan eine ungewohnt flotte Gangart an. "Und immerhin, ich wurde von den harten Kritikern in Los Angeles dafür ziemlich gelobt."

Das Konzert ist am Ostersonntag um 18 Uhr (Karten: 089/ 54 81 81 81). Ab 16.15 Uhr bietet Gilbert Kaplan in der Philharmonie eine Multimedia-Einführung in Gustav Mahlers Leben und Werk.

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