Der Liebesblitz

- John Crankos "Romeo und Julia" mit Tigran Mikayelyan und Natalia Kalinitchenko -­ wie frisch choreographiert! Dabei wird dieser Cranko-Klassiker nächstes Jahr schon 50. Man hat ihn oft gesehen und sich auch schon mal zum Erbarmen gelangweilt. Aber diesmal war es wunderbare Aufregung von Anfang an.

Sogar die düstere Gruft-Szene, der Moment, wo gewöhnlich der doch recht bequeme Nationaltheater-Sitz hart erscheint und der Blick zur Armbanduhr wandert, war noch ergreifend-spannend. Das Staatsorchester unter Valery Ovsianikov hätte man sich mehrmals weniger lärmig gewünscht (Prokofjew). Aber insgesamt war es ein Glücksabend, und Mikayelyan und Kalinitchenko sind ab sofort Münchens neues Ballett-Liebespaar.

"Schwanensee", in dem sie jüngst debütierten, ist (noch) nicht ganz ihr Fach. Das Märchenballett des 19. Jahrhunderts verlangt stilisierte Darstellung, Cranko dagegen einen fast filmischen Realismus, muss aus der Seele, aus leidenschaftlichem Herzschlag, aus dem Bauch heraus getanzt werden.

Echter Shakespeare

Und das können die beiden, jetzt, nach den Proben mit dem Cranko-Experten Stefan Erler, der ihnen das Ballett aufgeschlüsselt hat. Die wie vom Liebesblitz getroffene Begegnung auf dem Capulet-Ball, der gegen die Etikette gewagte Tanz abseits der Hofgesellschaft ­ Kalinitchenko und Mikayelyan sind von der ersten Sekunde an Romeo und Julia. Zwei junge Menschen im Sturm ihrer Gefühle -­ und in ihrer Verletzlichkeit.

Mikayelyan, erstmals als Romeo, ist in seinem Spiel frisch, spontan, ohne auch nur die kleinste gekünstelte Geste. Natalia Kalinitchenko hatte bereits in ihrem Debüt letztes Jahr im 3. Akt eine eindringlich tragisch-dramatische Qualität gezeigt. Jetzt ist sie überzeugend auch die noch jugendlich unbeschwerte Julia. Luftig, filigran nuanciert ihr Solo und der Pas de deux mit dem Verlobten Paris (Martin Blahuta). Was dann folgt, ist Shakespeare-Drama, wie es besser das Schauspiel nicht bringen kann. Denn Kalini-tchenko und Mikayelyan sind nicht nur Liebende in der Sprache der Blicke und Hände. Romeos Laufen in der Balkonszene, seine Sprünge, die komplizierten Hebungen (alles ganz mühelos), diese ganze Ballettartistik, die Cranko so gekonnt psychologisch in den Dienst der Rolle stellte, wird bei den beiden zum Ausdruck von Gefühl, von Jubel, Verzagtheit und Verzweiflung.

Wem da im Parkettdunkel die Tränen kamen, dem sei versichert: Er war nicht allein.

Weitere Besetzungen am 14. 1. um 14.30 Uhr und 19.30 Uhr; am 10. 2. um 19.30 Uhr, am 11. 2. um 17 Uhr.

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