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„Liebesdings“: Anika Decker über ihren Film mit Elyas M`Barek & Ärger mit Til Schweiger

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Von: Katja Kraft

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Starke Frau: Anika Decker, erfolgreiche Drehbuchautorin und Regisseurin.
Starke Frau: Anika Decker, erfolgreiche Drehbuchautorin und Regisseurin. © Constantin

Gegen Til Schweiger hat Anika Decker vor Gericht gesiegt. Sie erhält mehr Geld für ihr Drehbuch zu „Keinohrhasen“. Und: ihr Film „Liebesdings“ mit Elyas M‘Barek startet.

Sie ist die Frau hinter „Keinohrhasen“ (2007). Einem der erfolgreichsten deutschen Filme aller Zeiten. Doch ins Rampenlicht geriet die Drehbuchautorin Anika Decker erst so richtig, als sie Til Schweigers Produktionsfirma Barefoot und die Warner Bros. verklagte. Weil die heute 46-Jährige für das „Keinohrhasen“-Drehbuch damals nur 50 000 Euro erhalten hatte. Die Komödie spielte 70 Millionen Euro im Kino ein. Dazu kamen Einnahmen aus TV-Rechten und DVD-Verkäufen. Kürzlich entschied das Gericht: Warner und Barefoot müssen offenlegen, was sie mit Deckers Büchern verdienten. Wie viel Geld ihr zusteht, wird im nächsten Prozess entschieden. Ein Erfolg. Den hat Decker auch als Regisseurin: Mit Filmen wie „Traumfrauen“ (2015) oder „High Society“ (2017). Der nächste steht schon ins Haus. Am 4. Juli 2022 feiert „Liebesdings“ mit Elyas M’Barek im Münchner Mathäser Premiere, ehe er am 7. Juli 2022 offiziell in den Kinos startet. Ein Gespräch mit Anika Decker über den Mut, für seine Rechte zu kämpfen – und die Lust auf Happy Ends.

Es gibt eine Szene in „Liebesdings“ mit tanzenden Tampons. Stimmt es, dass ein öffentlich-rechtlicher Fernsehsender den Trailer für Ihren neuen Film wegen dieser Szene nicht ausgestrahlt hat?

Anika Decker: Ja – mit dem Argument, das zu sehen, könne Kinder traumatisieren.

Ernsthaft?

Anika Decker: Ernsthaft. Völlig absurd. Dieser immer noch verhaltene Umgang mit dem Thema Menstruation war überhaupt erst der Ausgangspunkt für die Tampon-Szene im Film. Ich hatte mich irgendwann gefragt: Warum ist mir das eigentlich peinlich, wenn mir in der Öffentlichkeit ein Tampon aus der Tasche rollt? Also dachte ich mir: Ziehen wir den Schauspielern zwei Meter große Tampon-Kostüme an, machen eine tolle Choreografie zum Lied „Bleeding Love“ – und dann gucken wir mal, ob ich vielleicht ein anderes Verhältnis zu meinen Tampons bekomme. (Lacht.) Auf der Premiere in Berlin hatten wir nach der Szene Applaus.

Filmszene mit tanzenden Tampons aus Anika Deckers neuer Komödie „Liebesdings“
In der Komödie packt Anika Decker feministische Themen an – und lässt Tampons tanzen. © Constantin

Sie möchten also, auch im Genre der Komödie, mit Ihren Filmen gesellschaftlich etwas verändern?

Anika Decker: Ja, so ein bisschen schummel ich immer einen Lehrauftrag in meine Filme rein. Aber nicht mit dem erhobenen Zeigefinger. Bei „Liebesdings“ durch die Behandlung feministischer Fragen, die mich umtreiben. Ich finde es völlig widersinnig, dass in Europa in dieser Hinsicht gerade der Rückwärtsgang eingelegt wird und in manchen Ländern in Schulen nicht über Homosexualität gesprochen werden darf. Ich wünsche mir, dass, wenn meine Nichte Teenager ist, Geschlecht oder Sexualität für sie überhaupt keine Rolle spielen. Dass niemand diskriminiert wird. Und dann habe ich noch von einer Untersuchung gelesen, durch die herausgefunden wurde, dass fast jeder Mensch auf der Welt einen Penis anatomisch korrekt zeichnen kann – aber fast niemand eine Klitoris. Und mir war als Regisseurin klar: Wenn das so ist, dann bastelt uns jetzt jemand eine riesige Klitoris, die wunderschön aussieht – wie eine Orchidee! – und dann setzen wir die Elyas M‘Bareks Figur auf den Kopf – danach weiß bitteschön jeder, wie eine Klitoris aussieht. (Lacht.)

Filmszene mit Elyas M‘Barek aus Anika Deckers neuer Komödie „Liebesdings“
A Star is born: Elyas M’Barek spielt in „Liebesdings“ einen umschwärmten Promi, der ein normales Leben führen will. © Constantin

Sie sind schon viele Jahre in der Branche, hat sich denn in Bezug auf Frauenrechte etwas verbessert, speziell seit #MeToo?

Anika Decker: Ja, ich glaube, es verändert sich wirklich langsam etwas in den Köpfen. Ich hab’s zum Beispiel bei Elyas M‘Barek gesehen: Auch der fand’ es extrem spannend, sich mit Feminismus, Geschlechteridentität, Sexismus zu beschäftigen und ist absolut für Gleichberechtigung. Aber klar, wir haben immer noch ein geschlechtsspezifisches Lohngefälle – Frauen verdienen in der Filmbranche im Schnitt 20 Prozent weniger als Männer. Das ist ein Fakt. Ich werde oft gefragt, ob ich Tipps habe für Gehaltsverhandlungen. Doch ich finde, der Fehler liegt auf der anderen Seite. Weil diejenigen, die das Geld verteilen, Frauen meist weniger zahlen – ganz egal, wie man sich in einer Verhandlung verhält. Das kommt einfach nicht gut an, wenn man als Frau viel Geld fordert. Gerade deshalb sollte man es tun. Es hilft, wenn man darüber spricht, sich gegenseitig unterstützt.

Sie haben eine Whatsapp-Gruppe, in der Sie sich mit Frauen austauschen, offen sagen, was Sie verdienen, sich für Jobs empfehlen. Tun Frauen das zu selten? Bekämpfen sie sich – statt einander zu unterstützen?

Anika Decker: Generell gibt es intrigante Menschen im Berufsleben, das ist so. Aber ich habe das auf der männlichen Seite genauso oft erlebt wie auf der weiblichen. Und auf der männlichen ist es ganz oft noch gefährlicher, weil es mehr Männer gibt, die in Entscheiderpositionen sind. Deswegen finde ich das auch so ein Zerrbild, diese sogenannte „Stutenbissigkeit“. Ich kenne viele tolle Frauen, die einander unterstützen. Ich erlebe eine Zeit der großen Frauensolidarität –und das freut mich sehr.

Solidarität braucht man in der Filmbranche, in der man von einem Tag auf den anderen abgeschrieben sein kann. Wie halten Sie das aus?

Anika Decker: Stimmt, das ist eine harte Branche. Aber eben auch eine, die einem wahnsinnig viel geben kann. Dann stehe ich neben Maren Kroymann am Set, die ich zutiefst bewundere, oder mit Alexandra Maria Lara – und wir können uns kennenlernen und einen tollen Film zusammen machen. Das sind Geschenke. Die andere Seite ist, dass einen diese Branche mit gesammelter Härte erwischen kann, klar. Man wird sehr, sehr schnell ausgetauscht.

Es ist Ihnen schon passiert...

Anika Decker: Stimmt, sehr früh habe ich eine Serie verkauft – doch dann haben die Produzenten gemerkt, dass ich blutige Anfängerin bin, haben mich rausgekickt und zwei „männliche Profis“ ans Drehbuch gesetzt. Mir hat es das Herz gebrochen. Aber man kann viele Sachen auch zum Guten wenden. Die besten Pointen aus meinem abgelehnten Text habe ich einfach später in „Keinohrhasen“ gepackt –und das funktionierte dann ja ganz gut. (Schmunzelt.)

Anika Decker kämpft vor Gericht gegen Til Schweiger für mehr Geld.
Anika Decker kämpft vor Gericht gegen Til Schweiger für mehr Geld. © dpa

Gutes Stichwort: Glauben Sie, dass der Prozess, den Sie gegen Til Schweiger geführt haben, auch deshalb medial so groß gespielt wird, weil Sie eine Frau sind? Und es sich als Frau nicht gehört, Forderungen zu stellen?

Anika Decker: Das kann schon sein. Mir haben ein paar Frauen geschrieben, die durch meinen Sieg vor Gericht den Mut dazu gefunden haben, ebenfalls für das, was ihnen finanziell zusteht, zu kämpfen.

Fordern Frauen zu wenig?

Anika Decker: Nein. Meine Freundinnen haben auch häufig viel gefordert und sind sehr oft grandios damit gescheitert. Es liegt nicht immer an der einen Partei, die nicht genug fordert – auf der anderen Seite muss jemand sitzen, der den Ehrgeiz hat zu sagen: Diese Frau möchte ich genauso gut bezahlen wie den Mann, den ich eingestellt habe. Das muss im Bewusstsein ankommen.

Damit es ein Happy End für alle gibt. Wie in Ihren Filmen. Könnten Sie sich vorstellen, mal einen Film ohne Happy End zu drehen?

Anika Decker: Im Moment nicht. Bei einer Mainstream-Komödie auf gar keinen Fall. Ich bin ein großer Fan von Happy Ends in diesem Genre. Wenn ich mal einen Film in einem anderen Genre machen würde...

... sterben am Ende alle.

Anika Decker: Genau, wenn ich mal die Bluthochzeit von „Game of Thrones“ neu schreibe, dann könnte das passieren. (Lacht.) Aber vorerst bleibt es dabei: Ich erlaube mir jegliche Verrücktheiten mit den Figuren und in den Dialogen – aber vom Happy End möchte ich nicht abweichen.

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