In Liebes-Fantasien

- Jugendfrisches Liebesgewurl. Keine melancholie-getönte Elegie mittelalterlicher Herrschaften, die sich in Irrungen Wirrungen der Gefühle und Geschlechter verstricken, sondern heißes Blut, rockröhrendes Geschrei, schmolliges Selbstmitleid, energische Handgreiflichkeiten, kurz: keinerlei edle Decadence auf der Bühne des Münchner Volkstheaters. Shakespeares Eros-Taumel "Was ihr wollt" hatte dort in der Übersetzung von Thomas Brasch am Donnerstagabend Premiere.

Die junge Regisseurin Jorinde Dröse setzte auf ein gleichfalls junges Team, in dem selbst der angegraute Onkel Toby auf knackigen Cowboy aus einer Vorstadt-"Noname-City" macht. Die Inszenierung erdet mit dieser Jugendlichkeit die vielschichtige Philosophie des Stücks um Identitäten, gesellschaftliche Rollen und Wahrnehmungsmuster, um Vergeblichkeit, Fortunas Blindheit und Nihilismus, sodass all die klugen Sätze und Seufzer gut im Heute verankert sind. Was gespielt wird, ist nicht Theorie, sondern unsere Befindlichkeit - real, TV-Soap-real und eben auch surreal. <BR><BR>Diesen Shakespeare'schen Dreher schafft Dröse ebenfalls. Brigitte Hobmeiers Viola steht in einer Zeitschleife: An illyrische Gestade geschwemmt, klappt Viola der Koffer immer und immer wieder auf, schwappen Wasser und Fischlein heraus. Das Mädchen ist in einem fantastischen Bild wie von de Chirico gefangen, wo der Irrwitz der Liebe herrscht - und ein Narr schon mal als Faschings-Tiger herumspringt. Auch nach der Pause gibt's kein Entrinnen, denn niemand aus dem Publikum will die Anhalterin Viola/Brigitte mit in die Heimat Messalina nehmen, nicht einmal nach Rosenheim, nicht einmal nach Riedering. Und schon dreht sich das Karussell der Liebe-Triebe weiter: Mann und Frau, Frau und Frau, Mann und Mann . . . Selbst das "Was ihr wollt"-Happy-End, wenn sich alles ordentlich "paart", bleibt zwittrig. Kein Entrinnen aus Fantasien, aus der Zeitschleife.<BR><BR>Wie Viola das Herz dieses Stücks ist, so ist Hobmeier das Herz dieser Inszenierung. Traurig-komisch, souverän-feig, gescheit-naiv - und liebend. All diese sich widersprechenden Changierungen vereinen sich in der Schauspielerin fein und anrührend, echt und ehrlich. Mit wunderherzigem, übertrieben italienischem Akzent ist sie die Fremde, die - à` la Valentin - fremd in der Fremde ist. Aber da sich alle ohnehin selbst fremd sind in dieser Welt der verschobenen Realitäten, ist's egal. Bühnenbildnerin Julia Scholz illustriert diese herb und poetisch zugleich. Eine Betonrinne wie von einem begradigten Flusslauf ist die Spielfläche. Ritzen zwischen den Blöcken - hinaufzuklettern ist schwer - lassen Auftritt und Abgang zu. Gefangenschaft ja, jedoch: Es gibt den zarten Himmelsprospekt.<BR><BR>Markus Reymann ist ein handfester Orsino, der lieben und leiden kann und dem man Viola vergönnt. Ähnlich bodenständig Katja Müllers Olivia, eine Frau, g'radraus, zupackend. Zu ihr passt Benjamin Mährleins Jungspund Sebastian. Die Rüpel-Truppe um Werner Haindls Toby mit einem "Schuh des Manitu"-doofen Bleichenwang von Leopold Hornung und dem frech-roten Engel-Teufelchen Maria von Frederike Schinzler lief sich bei der Premiere erst langsam warm. Schlager, Tänzchen und Blödeleien brachten Stimmung. Dass Spaß auch bitter schmeckt, beweist nicht nur der etwas blasse Narr von Michael Lippold, sondern vor allem das Schicksal von Karsten Dahlems schmierigem Latin-Lover-Malvolio: zum Narren, zum Wahnsinnigen gemacht, im Gefängnis, ohne Boden unter den Füßen. Wie all die anderen auch.<BR><BR>

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