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Im Tante-Emma-Laden richten (v. li.) Lena (Teresa Rizos), Waltraud (Andrea Wildner) und Maria (Saskia Vester) aus finanzieller Not eine Telefonsex-Zentrale ein.

Busse-Inszenierung in der Komödie

Liebesgeflüster auf Bairisch

München - Jochen Busses Inszenierung „Eine ganz heiße Nummer“ wurde bei der Premiere in der Münchner Komödie gefeiert. Die Kritik:

Mit „Liebesgeflüster – aus unserer Heimat“ werben Maria Brandner und Waltraud Wackernagel, mitnichten Rotlicht-Profis, für ihre gerade im erzkatholischen bayerischen Marienthal gegründete Telefonsex-Hotline. Es ist eine schiere Schamüberwindungs-Aktion: Ihr Tante-Emma-Laden steht vor dem Aus, weil die Kundschaft beim Discounter kauft, die Bank einen Kredit verweigert, und weil obendrein Waltrauds Mann Heinz mit Schließung der örtlichen Glashütte arbeitslos wurde. Andrea Sixts Roman „Eine ganz heiße Nummer“ (1998), von Markus Goller bereits 2011 verfilmt, wurde jetzt in der Münchner Komödie im Bayerischen Hof euphorisch gefeiert. Klar: Wo das Vollbluttheatertier Jochen Busse draufsteht – er schrieb zusammen mit Sixt die Szenen und inszenierte –, da ist auch Busse drin.

Telefonsex auf der Bühne – viel mehr Handlung ist da ja nicht –, das könnte entweder sterbenslangweilig oder vulgär und obszön sein. Aber Busse hat aus der auch sprachlich äußerst schlicht gefassten Geschichte alles rausgeholt, was rauszuholen ist: Frauenstück und Sittenfarce, Schwank, Mitmachtheater und Sozialkomödie. Und bei Thomas Peknys gestaffelter, lautlos gleitender Schiebewand-Bühne funktioniert das neue Unternehmen zwischen Obst und Gemüse (vorne) und Kanzel und Kruzifix (hinten) fast immer klipp-klapp-flott.

Neu eingeführt von Busse ist ein Erzähler, der unsere Existenz zwischen Wirtschaftskrise, Werbestrategie und menschlichen Trieben kommentiert. Manchmal ist das ein bisserl betulich lebensberaterisch. Aber Bernd Helfrich, daneben auch noch als Frömmel-Pfarrer und Heinz Wackernagel, gibt dem Abend im Ganzen doch die Würze von bayerischem Volkstheater.

Und weil überhaupt deftig bairisch geredet wird, klingt auch, was eigentlich schlüpfrig sein müsste, irgendwie ganz normal. Oder ist durch Humor entschärft. Vor allem bei den drei Superladies Saskia Vester (Maria), Andrea Wildner (Waltraud) und Teresa Rizos (Verkäuferin Lena), die sich mit Pornoheften, Dominique Aurys Sadomaso-Roman „Die Geschichte der O“ und gegenseitigem Ansporn zunächst widerspenstig, dann aber doch zielstrebig zum „Sex-Sprech“ hinarbeiten. Die Erotik-Versatzstück-Floskeln und das Gestöhne sind natürlich eine Parodie auf dieses Telefon-Gewerbe: schräg, schrill und komisch, dass einem wie auf der Fitness-Powerplate die Tiefen- (-Lach-)muskeln wohltuend vibrieren. Der Knüller des Abends ist, wenn die Damen, mit Kopfhörern ausgerüstet, im Trio ihre senso-akustische Dienstleistung absolvieren.

Zwischen dem Existenz-rettenden Geschäft menschelt es auch immer wieder: Mal stichelt die Moral-Hüterin Gerti – schön spitzzüngig von Veronika von Quast –, mal siegt bei den Männern Willi und Stefan, sympathisch gespielt von Martin Böhnlein und Norbert Heckner, doch das Gefühl über den Druck der Hormone.

Malve Gradinger

Weitere Vorstellungen

bis 25. 10., 20 Uhr, So. 18 Uhr; Telefon: 089/ 29 16 16 33.

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