Liebes-Mosaik

- Schneetreiben, Dunkelheit, ein Schloss, ein todkranker Aristokrat, sein wortkarger Diener, ein großes Geheimnis. Schauermärchengleich beginnt Helmut Kraussers neuer Roman "Eros", und vieles würde man zu diesem Zeitpunkt dahinter erwarten, nicht aber eine unheilbare Liebesgeschichte, die 1944 in einem Luftschutzkeller bei München beginnt und 1985 auf der Flucht vor der Stasi an einem Straßenrand bei Leipzig endet.

Ein unkonventioneller, adliger Märchenopa ist es, den Krausser in seiner lustvoll altmodisch abenteuerlichen Rahmengeschichte heraufbeschwört: Alexander von Brücken diktiert einem eigens herbeigeholten Autor, dem Ich von "Eros", den ungewöhnlichen Weg einer Liebe, welcher sein Leben gewesen ist. Ein Märchen? Mit der Ausgangssituation im Schloss verleiht Krausser der bewegten Historie, obwohl erst gut 50 Jahre alt, tatsächlich etwas provokant Entrücktes. "Was geschrieben steht, ist auf gewisse Art geschehen", rechtfertigt von Brücken selbst das zweifelhafte Mosaik seiner liebessehnsüchtigen Erinnerungssteinchen.

Doch nicht Liebe verspricht Kraussers Buchtitel, sondern Eros: "eine komplexe, vielschichtige Kraft, unter der man am Ende zerrieben werde, immer jedoch mit dem Gefühl, nicht ganz allein und unwichtig zu sein". Gern würde von Brücken diese Kraft in seiner "Geliebten" Sofie finden. Doch weil sie - "mehr Idee als Person" - ihn nicht wiederliebt, sucht er die Macht im Geld: Jahrzehntelang wird der Besessene seiner personifizierten Leidenschaft unbemerkt folgen, wird Sofies finanziellen wie anwaltlichen Schutzengel spielen, sich heimlich die Begleiterrolle erkaufen, die sie ihm nicht einräumen will.

Es scheint nur so, als halte von Brücken alle Fäden in der Hand: Er ist in diesem dramatisch ernsten Spiel das Opfer. Denn geschickt stellt Krausser den Kapitalisten vor eine ungünstige historische "Kulisse": Erst fallen die letzten Bomben über München und verschärfen das Gefälle zwischen arm (Sofie) und reich (Alexander). Dann wird Sofie Mitglied des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes, verübt Bankraube für die Revolution und geht mit Ulrike Meinhof als Idol nach Berlin, wo ihr Alexander in der Nacht des 2. Juni 1967 das Leben rettet.

In "Eros" erschreibt sich Helmut Krausser eine Zeit, die der 1964 in Esslingen Geborene nicht miterlebt hat. Doch mühelos gelingt es ihm, sich an den Tatsachen entlang zu dichten, fiktiven Möglichen zu hangeln. Im Präsens reihen sich die Ereignisse wie in einem Deutschlandalbum Bild für Bild aneinander - manchmal als bloße Stichworte aus den Geheimdienstakten Sofies. Es ergibt sich eine reizvolle Konfrontation: Wodurch unterscheidet sich denn die private Bespitzelung noch von der staatlichen? Kann es überhaupt eine Rechtfertigung für den Raub von Privatsphäre geben?

Nicht nur einmal fragt von Brücken seinen Biografen und indirekt auch seinen Leser: "Was hätten Sie getan?", und es gehört zu den rhetorischen Anziehungsgrößen des Romans, dass der ihn stets antwortlos seinen Schuldgefühlen überlässt. Mit solchen Bitten nach postumer Fremdlegitimation streift Krausser auch - und nicht unironisch - die aktuelle Frage nach der Macht der geschriebenen Biografie: Könnte sie am Ende gar den Eros eines Lebens relativieren?

Helmut Krausser: "Eros". DuMont, Köln, 320 Seiten; 19,90 Euro.

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