AC/DC-Legende Malcolm Young ist tot

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Das Liebesnest der Weltliteratur

München - Um das Jahr 1900 vergnügt sich die Bohème im Isartal. Die Ausstellung „Heimweh nach draußen“ in Irschenhausen widmet sich dieser Zeit.

Franziska zu Reventlow ist dann mal weg. „Früh auf, alles gepackt und dann mit einem Freudenschrei weggefahren nach Schäftlarn.“ Diese euphorische Notiz kritzelt die Gräfin, Dichterin und Schwester Leichtfuß in ihr Tagebuch, als sie in Schwabing wieder mal alles stehen und liegen lässt. Wie Reventlow ergeht es um 1900 nicht wenigen Literaten aus München und der ganzen Welt: Sie lieben das Isartal – und sie verlieben sich dort.

Wer weiß schon, dass erotische Meisterwerke wie „Lady Chatterley’s Lover“ oder „Jules und Jim“ in der Gegend um Wolfratshausen ihren Ursprung haben? Elisabeth Tworek weiß es, und die Leiterin des Münchner Literaturarchivs Monacensia hat im lauschigen Irschenhauser „Hollerhaus“ eine kleine Ausstellung zum Thema organisiert: „Heimweh nach draußen“ heißt sie und zeigt, warum das Isartal um 1900 mit Fug und Recht das Liebesnest der Weltliteratur genannt werden darf.

„Scheinbar war das Klima dort gut für Beziehungen“, mutmaßt Tworek. Und zwar für allerlei verschiedene Beziehungen. Die Reventlow fährt mit ihrem Sohn Rolf, genannt Bubi, Maus oder Göttertier, regelmäßig ins Isartal, um an ihrem Roman „Ellen Olestjerne“ (1903) zu schreiben. Bubi spielt derweil in der Sonne.

Gar nicht familiär, sondern in einem erotischen Dreiecksverhältnis leben 1920 der junge Schriftsteller Franz Hessel, seine Frau Helen und der gemeinsame Freund Henri-Pierre Roché in der „Villa Heimat“ bei Hohenschäftlarn. Die „ausgschamten“ Sommergäste sind im Dorf bald bekannt wie bunte Hunde. Ein Gendarm taucht mit einer Anzeige gegen Helen auf: Sie wurde im Dorf in Männerkleidern gesehen. Und auch Roché wird angezeigt: Ein Hausmädchen hat ihn nackt im Garten bei den Hühnern erwischt. Der französische Kunstmakler und Schriftsteller wird im hohen Alter einen Roman über die Liebesaffäre schreiben – die Vorlage für François Truffauts Film „Jules und Jim“ von 1962.

Dichter Rainer Maria Rilke verliert sein Herz gleich zweimal im Isartal: In Wolfratshausen beginnt 1897 die berühmte Liebe zu Lou Andreas-Salomé. Der Lyriker (22) und die verheiratete Frau (36) lieben sich im einsamen „Fahnensattlerhaus“, das sie in „Haus Loufried“ umtaufen. Ende August 1914 fährt er auf Anraten seines Arztes abermals ins Isartal. In Irschenhausen verfällt er der 23-jährigen Malerin Lou Albert-Lasard, die aus Angst vor dem Krieg Mann und Kind in Paris zurückließ.

Was treibt die Dichter in die Abgeschiedenheit, und warum knistert’s hier so heftig? Elisabeth Tworek weiß keine eindeutige Antwort: Die hügelige Landschaft, die Farbenfreude der Bauerngärten, die deftige Urwüchsigkeit der Leute – all das eben, was zeitgleich die modernen Maler ins Murnauer und Kochelsee-Moos zieht. Doch vor allem war’s billig: „Der Starnberger See war touristisch schon länger erschlossen“, sagt Tworek, „die Isartalbahn wurde dagegen erst 1898 eröffnet“. Einmal angekommen, mieten sich die Schöngeister günstig bei Bauern ein.

Die Herbergssuche gestaltet sich für Franziska zu Reventlow, alleinerziehende Mutter mit unehelichem Kind und hohen Ansprüchen, nicht immer einfach. Sie schreibt: „10. Juli 1901, Mittag nach Hohenschäftlarn, Bahnhofsrestauration abgestiegen. Man braucht nicht nach Griechenland zu fahren, um schmierige Hotels, zudringliche Leute, atmende Sofas und unheimliche Betten zu finden. Ich bin ganz deprimiert vom Degout.“

Auch die Einheimischen erlebt nicht jeder als gute Gastgeber: D. H. Lawrence fühlt sich regelrecht bedroht. Sein Roman „Mr. Noon“ von 1921 – ein Vorläufer seines Bestsellers „Lady Chatterley’s Lover“ – spiegelt Ereignisse aus dem Isartal: „Selbst aus den bäuerlichen Grüßen – Servus! oder Grüß Gott! – schien er etwas herauszuhören – etwas Vorrömisches, Nordisches, Erschreckendes: Wölfe, die in der Dunkelheit der nordischen Nacht das Fell sträubten, das Blitzen des Nordsterns, das Geheimnis blonder, vergessener Götter.“ Lawrence und seine Geliebte Frieda von Richthofen leben 1912 in Beuerberg ohne Geld von frischen Eiern, Beeren und dunklem Bauernbrot. Sie ist ihrem Mann und ihren drei Kindern mit dem unbekannten Dichter durchgebrannt. Im Wirtshaus machen sich die männlichen Oberlandler über den Engländer, der kein Wort versteht, lustig. „Er hat sie als dampfende, vitale Tiere wahrgenommen, die sich Frieda genähert haben“, sagt Tworek. „Er selbst war ja mehr ein Schmalbrüstiger.“

Das Oberland lockt auch die Barbusigen an, und für die haben die sehr katholischen Ureinwohner bestenfalls ein Kopfschütteln übrig. „Der Frei-Körper-Kult war eine große Strömung der Zeit“, sagt Tworek. „Die Städter sehnten sich nach Freiheit, und einige sind da ziemlich weit gegangen.“ Für lesbische Lebensgefährtinnen wie die Frauenrechtlerin Anita Augspurg und Lida Gustava Heymann ist es gleich vorteilhafter, sich ein eigenes Haus zu kaufen: eine 13 Tagwerk große Wiese in Icking. Nach eigenen Plänen entsteht dort ein Landhaus – die „Burg Sonnensturm“.

All die Zitate und Geschichten sind im „Hollerhaus“ auf alte Kopfkissenbezüge und Handtücher gedruckt, die an Leisten hängen. Katharina Kuhlmann, die die Ausstellung gestaltet hat, erklärt schmunzelnd: „Ich musste dabei an die viele gebrauchte Wäsche denken, die die Bauern waschen mussten, wenn die Literaten Abschied genommen hatten.“

Denn irgendwann müssen sie alle zurück. Wie schwer der Abschied aus dem Paradies Isartal fällt, sagt uns wieder Franziska zu Reventlow: „Und dann zurück nach München. Vom Sommer Abschied, aus all der glühenden sonnigen Welt zurücksinken. Mir ist innerlich so grau und steinern zumut zwischen all den Häusern, ich habe so ein brennendes Heimweh nach draußen.“

Johannes Löhr

Bis 14. September,

samstags und sonntags, 13 bis 18 Uhr, Neufahrner Weg 3, Irschenhausen und nach Vereinbarung unter Telefon 081 78/ 44 08.

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