Ein Liebespaar in der Kunst

- Nachdem Gabriele Münter, eine der Protagonistinnen des Blauen Reiters, die Hausheilige der Städtischen Galerie im Lenbachhaus ist, wird ihr dort viel Aufmerksamkeit geschenkt. Sie hatte dem Münchner Museum ihre Schätze überlassen: neben den wunderbaren Gemälden und Grafiken dieser Künstlergruppe eben auch ein mächtiges Konvolut an Negativen (2000 Stück).

Dieses spezielle Œuvre wurde jetzt aufgearbeitet. Im vergangenen Winter waren die Fotos von Münters USA-Reise 1899/ 1900 zu sehen; nun gibt es die umfangreiche Ausstellung "Die Jahre mit Kandinsky ­ Photographien 1902- 1914". Von 900 Aufnahmen werden 220 präsentiert. Danach erlosch das Interesse der Künstlerin an diesem Medium fast ganz.

Die Schau ist in den pastellfarben getönten Sälen so inszeniert, dass der Besucher auf Reisen geht. Er begleitet das junge Liebespaar ­ den interessanten Russen und seine talentierte Malschülerin ­ auf ihren Ausflügen in die nähere Umgebung, die Erkundungstouren durch Europa, ja bis nach Tunesien, und in ihre Wohnung in der Schwabinger Ainmillerstraße beziehungsweise ins Murnauer Haus. Die Fotografien von Kochel und Kallmünz (1902 und ‘03) bis Tunis und Kairouan (Winter ‘05), von Menschen, Landschaften, Straßenszenen bis zu den Porträts belegen, dass Münter eine ganz klare lichtbildnerische Vorstellung hatte.

Die Bilder haben einen eigenständigen Wert über das Dokumentarische hinaus. Die Bandbreite geht vom Gaudi-Schnappschuss, wenn Wassily Kandinsky mit seinen Schülerinnen blödelt, bis zu kargen Sichtweisen, gewissermaßen neusachlichen Perspektiven. Da zeigt Gabriele Münter eine Schlossparktreppe nicht touristisch pittoresk, sondern kühl und distanziert.

Beeindruckend ist, dass ihre Neugier vor nichts Halt macht. Für sie ist die malerisch verschneite Küste von Rapallo (1906) genauso interessant wie die Wand der Münchner Wohnung mit all den Hinterglasbildern. Münter nimmt ihre Blauen-Reiter-Freunde auf, etwa wie Elisabeth und August Macke mit ihrem Buberl, dem kleinen Walter, spielen, aber auch die einfachen Menschen, die am Festtag durch Murnaus Marktstraße drängen (1909- 1914): die einen im städtischen Gewand, die Oma dagegen traditionell im schlichten Dirndl ohne jeden Trachten-Firlefanz, das Haar unterm straff gebundenen Kopftuch.

Natürlich kann die Ausstellung damit prunken, dass das Museum zu vielen Fotos das passende Kunstwerk bietet. So sieht man die Vilsgasse in Kallmünz als Aufnahme, daneben als Farbholzschnitt und Ölskizze von Gabriele Münter sowie als Bild von Kandinsky. Die großen und klitzekleinen Skizzenbücher zeigen, wie die beiden all die Motive aufgriffen, im Gedächtnis verankerten, um dann später künstlerisch frei damit umzugehen. Dabei war die Fotografie Begleiter, aber nie feste Vorlage.

Neben der ästhetischen "Story" erzählen die Fotografien auch eine Liebesgeschichte, die im Ersten Weltkrieg unterging. Kandinsky musste 1914 aus Deutschland scheiden; 1916 kam es zum endgültigen Bruch mit Münter. Da auch er seine Lebensgefährtin von 1902 an immer wieder fotografiert hatte, begleiten wir zwei Menschen nicht nur auf ihren Reisen, sondern auch auf einem Stück ihrer Lebensreise.

10.2.-3.6., Tel. 089/ 23 33 20 00; Katalog, Schirmer/ Mosel: 30 Euro.

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