Von Liebessehnsucht und Sklaverei

- "Die schöne Magelone", der Liederzyklus, den Johannes Brahms nach den Gedichten aus Ludwig Tiecks gleichnamiger Erzählung schrieb, war schon lange zur Aufführung im Münchner Prinzregententheater geplant. Und in die Welt der Ritter, der Minne und der höfischen Liebe zwischen Orient und Okzident wollten Bariton Matthias Goerne und Pianistin Elisabeth Leonskaja ursprünglich gemeinsam mit Schauspieler Otto Sander entführen. Doch der sah sich plötzlich nach den Worten von Veranstalter Andreas Schessl "außerstande, den Abend zu bestreiten".

Gesamtkunstwerk der Sonderklasse

Nach Überlegungen von Goerne und Leonskaja, sich stattdessen auf einen reinen Schubert-Liederabend zu konzentrieren, ward als Retter in der Not kein Geringerer als der Intendant und Künstlerische Leiter der Staatsoper Unter den Linden, Peter Mussbach, als Erzähler gefunden. Und er war möglicherweise sogar die interessantere Besetzung. Denn Mussbach las den Tieck'schen Text, der den Ritter durch Abenteuer und Gefahren, durch Liebessehnsucht und Liebesleid, Seenot, Gefangenschaft und Sklaverei endlich wieder in die Arme seiner geliebten Magelone führt, fern vom naiven märchenhaften Tonfall, in einer Mischung aus zeitgemäßer direkter Sprache, irgendwie beiläufig und doch ernsthaft, durchzogen von subtiler Ironie. Dramaturgisch ausgesprochen gelungen war zudem die enge Verbindung von Erzählung und Komposition, teils schnell aufeinander folgend, teils in den Anfängen ineinander verwoben.

Mit Elisabeth Leonskaja hatten die Herren Mussbach und Goerne eine kongeniale Begleiterin am Flügel, die sowohl die Momente des jugendlichen Überschwangs als auch des tiefsten Zweifels feinsinnig auslotete. Sie gab dezent Impulse. Die Musiksprache Brahms' ist außerordentlich komplex. Das verlangte Bariton Matthias Goerne nicht nur den reinen stimmlichen Kommentar ab. Goerne ist bekannt für eine stets lebhafte und emotionale Gestaltung, und auch in den 15 Romanzen von Brahms wusste er mit warmem und zugleich leidenschaftlichem Timbre den jeweiligen Charakter zu treffen. Problematisch war jedoch seine teils schwer verständliche Artikulation. Trotzdem war der Abend ein Gesamtkunstwerk der Sonderklasse.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Albträume im La-Le-Lulu-Land
Die griechische Filmemacherin Athina Rachel Tsangari hat zum ersten Mal am Theater gearbeitet und für die Salzburger Festspiele in Hallein Frank Wedekinds „Lulu“ …
Albträume im La-Le-Lulu-Land
Arena di Verona: Auferstehen aus Ruinen
Die Arena di Verona kämpft mit Affären und Finanznot. Hilfe verspricht man sich von einem Sanierungsplan - und einer Uralt-„Aida“.
Arena di Verona: Auferstehen aus Ruinen
„Ein Hoch auf uns – Warum?“
Er ist Kapitän der Rockband Eisbrecher, deren neues Album „Sturmfahrt“ jetzt erscheint. Wir sprachen mit Alexander Wesselsky über die neue Platte, billiges Fleisch und …
„Ein Hoch auf uns – Warum?“
Kas mit Karoline
Das New Yorker Regieduo 600 Highwaymen versuchte sich im Auftrag der Salzburger Festspiele an Ödön von Horváths „Kasimir und Karoline“. Lesen Sie hier unsere …
Kas mit Karoline

Kommentare