Am liebsten unscheinbar

- "Ich weiß zwar nicht, wie ich es spielen soll, aber es ist ein Abenteuer." Das sagt Stephan Bissmeier über Paul Claudels Stück "Mittagswende" und über seine Rolle darin: über Mesa, einen introvertierten, unberührten Mann; als Zollkommissar ein hoher französischer Beamter in der Kolonialverwaltung Chinas.

<P>Das 100 Jahre alte Stück um Liebe und Betrug, um Glück, Gewinn und Gottessuche stellt heute eine große Herausforderung für alle dar. Für den Regisseur Jossi Wieler, die Schauspielerin Nina Kunzendorf, für Hans Kremer, Jochen Noch, die Zuschauer - und: eine Zumutung auch für ihn, Stephan Bissmeier.</P><P>Aber gerade das scheint seine Spezialität zu sein, erinnert man sich an die geheimnisvollen Sonderlinge, die er an den Münchner Kammerspielen spielt. Zum Beispiel in Jon Fosses "Traum im Herbst" sowie in "Da kommt noch wer" oder als skurriler Puppenspieler in Ayckbourns "Schöne Bescherungen". Fast möchte man glauben, Bissmeier (48) ist auch im wirklichen Leben seinen Bühnensonderlingen verwandt. "Ich möchte am liebsten unscheinbar sein. Ich könnte es nicht ertragen, berühmt zu sein", sagt er. Das ist nicht Koketterie, daraus spricht eine tiefe Distanz - wenn nicht zum Beruf, so doch aber zum Milieu seiner Profession.</P><P>"Das Schwierige meiner Rolle liegt darin, dass sie einem zunächst so fremd ist."<BR>Stephan Bissmeier</P><P>Stephan Bissmeier kommt aus einer Theaterfamilie. Joachim Bissmeier, als Schauspieler der vielleicht berühmtere, ist sein älterer Halbbruder, aber nicht der einzige der zahlreichen Bissmeier-Geschwister, die außer ihm ebenfalls auf der Bühne stehen. Nein, er habe nie Schauspieler werden wollen, sagt Stephan Bissmeier. "Ich hab's gehasst, diesen Klatsch und Tratsch am Mittagstisch. Ich fand das alles furchtbar oberflächlich. Ich dachte, das mach' ich nie."</P><P>Dass er es dennoch tat, dass er zur Essener Folkwangschule und bald danach in gute Theaterengagements ging, entsprang eher einem jugendlichen Hochmut: "Nach dem Abitur wusste ich nicht, was ich wollte. Theaterspielen - das kann ich sowieso, glaubte ich damals. Fange ich also erst einmal damit an, aufhören kann ich ja immer noch." Aber Stephan Bissmeier hat nie aufgehört damit, hat auch die Schmerzen des Metiers durchlitten und weiß heute, nach einigen Jahren Essen, sieben Spielzeiten Hamburg und der dritten Saison München: "Es geht nicht ohne Demütigungen ab in diesem Beruf." Darum sei er ein "total einsiedlerischer Mensch", der die absolute Stille, das Für-sich-Sein als Kontrast zum lauten Theaterbetrieb liebt.</P><P>Dass Bissmeier der Figur, die er jetzt in der neuen Inszenierung spielt, irgendwie ähnelt, will er gar nicht leugnen. Beim ersten Lesen des Stücks habe er zwar nichts davon kapiert, war aber irgendwie doch sehr berührt davon. Es habe ihn gepackt. "Das Schwierige meiner Rolle liegt darin, dass sie einem zunächst so fremd ist. Es geht hier um diese drei völlig verschiedenen Männer, die um diese Frau schwirren. Aus der Perspektive Mesas, meines Parts, ist das doppelt problematisch: einmal, weil er eigentlich zu Gott finden und der Welt entsagen wollte, Gott ihn aber nicht angenommen hat; und zum andern, weil er in Widerspruch zu seinen eigenen Vorsätzen gerät, sich in diese Frau verliebt, die auch noch verheiratet ist und deren Mann er sehr geschickt ausschaltet. Er begeht Verrat - Gott gegenüber und sich selbst gegenüber. Hinzu kommt, dass in dieser Figur der Autor Claudel auch noch seine eigene Geschichte erzählt."</P><P>Man muss kein Mörder sein, um einen spielen zu können. Eine Binsenweisheit. Aber wie verhält es sich mit der Religiosität dieses Stücks, dem Katholizismus dieser Figur? Muss der Schauspieler sich nicht davon betroffen fühlen? Bissmeier: "Ich komme aus einer religiösen Familie, aber das hat sich, während ich aufwuchs, ziemlich aufgelöst. Doch ich habe noch die Erinnerung an das Selbstverständnis, dass Gott existiert. Am Schluss des Stücks führe ich dieses Zwiegespräch mit Gott. Zuerst dachte ich: Muss das denn sein? Das kann ich nicht spielen. Dann aber wurde ich von mir selber überrascht: Es berührt mich doch."</P><P>"Mittagswende", 1905 geschrieben, spielt Anfang des 20. Jahrhunderts; der erste Akt auf einem Ozeandampfer, der zweite und dritte in China. Worin wohl liegt die Aktualität des Stücks, das morgen in den Münchner Kammerspielen Premiere hat? Bissmeier: "Es herrscht Bürgerkrieg. Vor dem Hintergrund des Terrors - die Aufständischen sprengen das Gebäude in die Luft - interessieren die Beziehungen der Menschen untereinander."</P>

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