Sie liebt ihn wirklich

- "Nein, man muss sie nicht spielen. Aber es ist ein sehr schönes Angebot." Nina Hoss, Theater- und Filmstar der jungen Generation, steht zum Auftakt der Salzburger Festspiele im Mittelpunkt des Medieninteresses. Denn sie ist in diesem Jahr die Buhlschaft, das berühmt-berüchtigte Weib an seiner, an "Jedermanns", an Peter Simonischeks Seite. In dem Spiel vom Sterben des reichen Mannes tritt sie an die Stelle von Veronica Ferres.

Hoss - jung und schön und eine hervorragende Schauspielerin. Bei ihrem Auftritt könnte nicht nur den Jedermännern dieser Welt der Atem stocken. Auch die Zuschauerinnen dürften versucht sein, sich oder ihre insgeheime Sehnsucht mit dieser außerordentlichen jungen Frau zu identifizieren.

"Das ist eine Rolle, für die man sich nicht bewerben kann." Nina Hoss

Wenn die Buhlschaft als Rolle auch längst nicht so interessant ist wie etwa Lessings Minna und seine Franziska, Büchners Lena oder Goethes Helena im "Faust II" - Figuren, die Nina Hoss in Berlin spielte, spielt und spielen wird, weiß sie doch ganz genau, was es bedeutet, ihren Auftritt vor Salzburgs mächtigem Dom zu haben. "Das ist eine Rolle, für die man sich nicht bewerben kann. Dieses Angebot kommt auf einen zu. Es ist für mich etwas Besonderes. Auch weil ich hier in eine schon bestehende Inszenierung einsteige. Und dann diese einmalige Kulisse. Hinzu kommt: Ich spiele zum ersten Mal Freilichttheater."

In ihrer unprätentiösen, frischen und dennoch sehr professionellen Art zeigt sich Nina Hoss ein wenig erstaunt über die Aufmerksamkeit, die ihr durch diesen Auftritt zuteil wird: "Mehr als durch irgendeine andere Rolle, die ich bisher am Theater gespielt habe. Es ist doch toll, das alles einmal zu erleben."

Die Dreißigjährige, die in Berlin am Deutschen Theater und am Berliner Ensemble zu Hause ist, die Filme dreht - zuletzt "Die weiße Massai", der im September in die Kinos kommt - und die zu den Hochkarätern mancher TV-Produktion zählt, hat Hofmannsthals "Jedermann" bislang nie selbst gesehen. Wenn auch von Berlin aus, der Stadt ihrer beruflichen Heimat, der "Jedermann" immer ein bisschen belächelt und vielleicht nicht so ganz ernst genommen werde, will sie sich doch mit aller künstlerischen Kraft ihrer neuen Rolle nähern. Der Buhlschaft eine genaue Charakterisierung, jenseits aller Klischees eine ganz eigene Individualität geben - das möchte sie jedenfalls probieren.

Hoss: "Ärgerlich finde ich es immer, wenn Leute sagen: Ach, die Buhlschaft ist doch nur eine kleine Rolle. Gerade kleine Rollen sind so wahnsinnig schwierig. Ihnen Leben einzuhauchen, wenn man nur einen oder zwei Auftritte hat . . . Auch in dieser Figur sehe ich eine Entwicklung. Ich denke, sie liebt diesen reichen Mann wirklich. Das ist eine sehr enge, zarte Beziehung. Und in diese Innigkeit tritt der Tod. Der geht auch an ihr nicht ganz spurlos vorbei. In der Szene danach zeigt sie dann eine sehr starke Haltung. Sie wird den Freund nicht begleiten, sie sagt ,nein’, sie geht von ihm. Sie geht ins Nichts."

Was ist es wohl, das die Menschen seit Jahrzehnten immer wieder neu zutiefst ergreift, was sie in Massen strömen lässt zu diesem eigentlich doch recht altmodischen, auch einfachen Stück? Nina Hoss: "Es ist der Tod, von dem sie so ergriffen sind. Denn eines macht das Stück ganz klar: Da kannst du noch so viel Geld haben - diesen letzten Weg gehst du allein."

"Theater sollte sein wie ein Gemälde." Nina Hoss

Schaut man sich die Galerie der Salzburger Buhlschaften an, hat man nicht nur so etwas wie ein Lexikon der Schauspielerinnen-Elite, sondern auch eines der jeweiligen Schönheitsideale der letzten 85 Jahre. Was aber heißt Schönheit? Nina Hoss: "Das kann so vieles sein. Ich habe da kein Idealbild. Schönheit hat auch etwas mit Zeitgeist zu tun. Viel wichtiger ist die Frage, ob ein Mensch Ausstrahlung hat und Charisma."

Eigenschaften, die man zwar einfordern, aber nicht lernen kann. Nina Hoss mag in dieser Hinsicht viel von ihren Eltern mitbekommen haben. Ihre Mutter Heidemarie Rohwedder ist Schauspielerin und war Intendantin in Esslingen. Ihr Vater Willi Hoss war Betriebsrat bei Daimler, Mitbegründer der Grünen und als Bundestagsabgeordneter ihr erster Fraktionssprecher. Von ihnen habe sie gelernt: "Wenn du gut bist in dem, was du tust, werden dir manche Wege geebnet."

Durch sie aber ist sie auch zu einem sehr bewussten politischen Menschen erzogen worden. Ob sie das im Theater einbringen kann? "So wie das Leben immer mit Politik zu tun hat, glaube ich, hat auch das Theater mit Politik zu tun. Weil es die Gesellschaft reflektiert. Ich mag nicht, wenn Theater belehren will, wenn es mir zeigen will, wie ich denken soll. Theater sollte wie ein Gemälde sein, aus dem sich jeder ,seins’ herauszieht."

Ein Gemälde, auf dem mit Sicherheit einer der fesselndsten Aspekte Nina Hoss ist. Das aber selbst auszusprechen oder auch nur zu denken, käme dieser mit selbstbewusster Bescheidenheit auftretenden, jungen Frau natürlich nicht in den Sinn.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Albträume im La-Le-Lulu-Land
Die griechische Filmemacherin Athina Rachel Tsangari hat zum ersten Mal am Theater gearbeitet und für die Salzburger Festspiele in Hallein Frank Wedekinds „Lulu“ …
Albträume im La-Le-Lulu-Land
Arena di Verona: Auferstehen aus Ruinen
Die Arena di Verona kämpft mit Affären und Finanznot. Hilfe verspricht man sich von einem Sanierungsplan - und einer Uralt-„Aida“.
Arena di Verona: Auferstehen aus Ruinen
„Ein Hoch auf uns – Warum?“
Er ist Kapitän der Rockband Eisbrecher, deren neues Album „Sturmfahrt“ jetzt erscheint. Wir sprachen mit Alexander Wesselsky über die neue Platte, billiges Fleisch und …
„Ein Hoch auf uns – Warum?“
Kas mit Karoline
Das New Yorker Regieduo 600 Highwaymen versuchte sich im Auftrag der Salzburger Festspiele an Ödön von Horváths „Kasimir und Karoline“. Lesen Sie hier unsere …
Kas mit Karoline

Kommentare