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Bariton Georg Nigl singt Lieder von Schubert, Beethoven und Rihm.

CD-KRITIK

Die Lied-CD des Jahres: Georg Nigl mit Schubert, Beethoven und Rihm

  • Markus Thiel
    vonMarkus Thiel
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So könnte der Erlkönig klingen: Ausnahmebariton Georg Nigl glückt ein unerhört gutes Lied-Album. 

Alles nur säuselnder Wind in dürren Blättern, so beruhigt der Vater den Sohn. Man kennt die Goethe-Ballade. Doch wie klingt der Erlkönig wohl wirklich? Wer diese CD auflegt, der ahnt es. Dabei hat Georg Nigl die berühmte Schubert-Vertonung gar nicht im Programm, dafür andere Lieder des Meisters plus Beethovens „An die ferne Geliebte“ und Wolfgang Rihms „Vermischter Traum“.

Eine Baritonstimme wie die Nigls ist unerhört, im Mehrfachsinn. Man kommt nicht von ihr los, von ihrer hypnotischen Wirkung, von ihrem Klang, der nicht überwältigt, sondern sich übers Ohr ins Hirn schleicht. Nigls wichtigstes Operationsgebiet liegt in der Mezzavoce. Behutsam, fast zärtlich zeichnet er Phrasen nach – symbiotisch getragen von Olga Pashchenko, mal am Hammerflügel, mal am Steinway. Und doch schwingt auch anderes mit, Gefährliches, eine nicht ganz fassbare Dimension, eine teils beunruhigende Süße. Dazu kommt die leichte Dialektfärbung des Wieners und ein Stil, der an die Schellackzeit gemahnt: Max Raabe maskiert sich als Erlkönig.

Nigls Legato, die Vermählung von Wort und Klang, die vollkommen natürliche Entwicklung eines druckfreien Gesangs aus dem Sprechduktus, die leichte Höhe dank der Kopfstimmen-Beimischung, all das ist nahe der Perfektion – und Voraussetzung für Lied-Deutungen, die nie vordergründige Interpretation sein wollen.

Wolfgang Rihm widmete ihm einen Liedzyklus

Der 48-Jährige gehört einer raren Spezies an. Jener singdarstellenden Ausnahmebaritone und Spezialisten für die Extremcharaktere. Johannes Martin Kränzle zählt dazu, auch Holger Falk. Bergs Wozzeck gehört folglich zu Nigls besten Rollen, ebenso Monteverdis Orfeo oder der Jakob Lenz in Wolfgang Rihms gleichnamiger Oper. Rihm schrieb für Nigl den Lied-Zyklus „Vermischter Traum“: sieben Lieder auf Texte von Gryphius, mit denen sich Rihm nach schwerer Krankheit ins Leben zurückkomponierte. Endzeitbetrachtungen sind dies, die Johannes Brahms’ „Vier ernste Gesänge“ oder Frank Martins „Jedermann-Monologe“ ins 21. Jahrhundert fortsetzen.

Die gespreizte Gesangslinie bereitet Nigl keine Probleme. Hier fasst er härter zu, kann Welt- und Selbstverzweiflung klanglich abbilden, erliegt aber nie der Versuchung hemdaufreißender Dramatik. Dank Nigl tönen diese Lieder so, wie es Rihm gebührt – als Entgrenzung Strauss’scher Vokalität.

All dies wird gerahmt von Schubert und Beethoven. Obgleich Nigl auf oft Eingespieltes wie die „Forelle“, „Die Taubenpost“, „An die Musik“ oder „Wandrers Nachtlied“ zurückgreift, wird das nie zur Hitparade. Eine Schubert-Klammer bilden „Im Freien“ und der lange, bestechend disponierte „Winterabend“. In all dem scheint sich Beethovens „Ferne Geliebte“ zu spiegeln: Nigls Innenschau, dem besonnenen Nachempfinden dieser sechs Lieder kann sich keiner entziehen. Es ist nicht nur einer der besten Beiträge zum Beethoven-Gedenken, es ist die Lied-CD des Jahres.

„Vanitas“:
Schubert: Lieder; Rihm: „Vermischter Traum“; Beethoven: „An die ferne Geliebte“. Georg Nigl, Olga Pashchenko (Alpha).

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