Lydia Daher bringt für das erste Deutsch-Pop-Konzert ihrer Reihe „Sterne“-Sänger Frank Spilker und den Grazer Dichter Stefan Schmitzer zusammen. Foto: Reinhard Kurzendörfer

Lied - Lyrik - Lydia: „Die kleine Volksrevue"

München - Hätte sich Lydia Daher hinter diesen Baum gestellt, sie wäre nicht sie gewesen. Und so lehnt sie ab, als der Fotograf sie bittet, von hinten durch den gegabelten Stamm zu blicken. „Ist mir zu gestellt", sagt sie und bleibt, die Hände in den Taschen des offenen Mantels, vor dem Baum stehen.

Streicht sich dann zwei Strähnen aus dem Gesicht, schlägt die Augen mit etwas gesenktem Kopf nach oben auf. Und sagt: „Gut so?“, als wollte sie ihrem Nein eine versöhnliche Pose nachwerfen. Mit Maskeraden hat sie es nicht so, aber die Geradlinigkeit schlägt ab und an Haken - ironische, tiefsinnige.

Die Gedichte und Song-Texte der 31-jährigen Pop-Poetin sind da ganz ähnlich. Direkt, ohne Schnörkel, ohne prätentiöses Gehabe. Eben nicht wie jene „quälenden Hybrid-Texte, die wissenschaftlich und gleichzeitig hochverdichtet sein wollen“. Aber sie berühren eine Schicht unterhalb dieser Leichtigkeit. „Ich lieb’ Dich jetzt erst mal für immer“, singt sie in einem Song. Ein ganzer Liebes-Diskurs genial einfach verdichtet - vielleicht ist das der Grund für den Erfolg der gebürtigen Berlinerin, die in Köln aufwuchs und jetzt in Augsburg lebt.

„Ein gutes Gedicht muss mich berühren“, sagt sie. Und dann: „Man muss das Gefühl haben, dass das genau so geschrieben werden musste.“ Das ist es, was Daher den Schülern in ihren Schreibkursen erzählt. Das ist es auch, was ihre Songs vermitteln. All diejenigen auf der 2007 erschienenen CD „Lydia Daher“. Noch stärker die auf dem Nachfolgealbum „Flüchtige Bürger“. Deutsch-Pop im besten Sinne ist das, mit einer Stimme, die nicht selbstgefällig, nicht pathetisch daherjodelt. Sondern sich lakonisch dem Text anschmiegt. Gerade arbeitet die Deutsche, deren Vater Libanese ist, an einer neuen Platte. Und an einem neuen Gedichtband. Lieder und Lyrik und die Verbindung aus beidem - ihr Geheimrezept. Obwohl, so geheim ist es nicht. Daher führt zusammen, was zusammen gehört. Das Lied ist die ursprünglichste Form der Lyrik. Noch Heidegger spricht nicht vom Dichter, sondern vom Sänger.

Gut möglich, dass der Frau mit den bannend braunen Augen, die hastig ihren Kaffee schlürft, das zu theoretisch ist. Ihr Umgang mit Gedichten sei eher praktisch, sagt sie. Debatten wie die in der Ludwig-Maximilians-Universität führten oftmals zu nichts. Vor Studenten sollte sie dort über den Standort der deutschen Gegenwartsliteratur sprechen. Ihr Statement: „Es ist mein Standpunkt zu sagen, dass ich mir die Freiheit nehme, dazu keinen Standpunkt zu haben.“ Oder in den Worten der kölschen Halb-Libanesin: „Jeder Jeck schreibt anders, inschallah.“ Daher wählt jedes Wort mit Bedacht, ist sensibel für Schwere oder Leichtigkeit eines Satzes. Woher das kommt? Sie weiß es nicht. Vielleicht von ihrem Urgroßvater, der publizierender Dichter war. Das Dichten jedenfalls, das begann sie aus dem einfachsten aller Gründe: aus Lust daran.

2003 erreichte sie den dritten Platz beim „German International Poetry Slam“ in Leipzig. Ihr erster Gedichtband „Kein Tamtam für diesen Tag“ ist das Produkt vieler harter Arbeitsstunden. Selbstzweifel bleiben da nicht aus. „Du schreibst einen Lyrikband, und in dieser Zeit bauen sie neben dir ein ganzes Haus auf.“ Es ist ihr ernst mit diesem Satz. Und unwillkürlich denkt man an die Songzeile: „Nichts ist schöner als ein Mensch, der aufgibt“. Aber nicht die Augsburgerin! Denn sie hat einen Plan. Oft lese sie bei Konzerten Gedichte vor. „Und die Leute mögen das.“ Nicht nur die typischen Lyrik-Leser. Auch die Übrigen, jenseits des engen Zirkels. „Ich mag keine Szenen“, sagt sie mit Nachdruck. Sie wolle andere Formate, die neues Publikum anlockten.

Zum Beispiel dann, wenn sie im Münchner Volkstheater am Donnerstag „Sterne“-Sänger Frank Spilker und den Grazer Dichter Stefan Schmitzer zusammenbringt. Das Motto: „Revolution“. Vielleicht keine politische. Aber Lyrik, sagt Daher, könne unseren Blick weiten. Auch sie wird auf der Bühne sein. Und vielleicht daran denken, wie es in arabischen Ländern ist. Da fordern die Zuhörer mit einer bestimmten Redewendung die Wiederholung einer Zeile, so oft, bis sie ganz im Text sind. Nicht selten, erzählt die Lyrikerin, sehe man dann einen Achtzigjährigen mit Tränen in den Augen. Ein Traum am Rande des Kitsches - vielleicht. Vielleicht aber auch eine kleine Revolution für den „flüchtigen Bürger“ in Deutschland. Und wieder so ein Textfetzen: „Flüchtige Bürger in statischen Städten/ Wir können uns nicht helfen, wir können uns nur retten.“

Ja kommt sie denn, die Rettung? Und wo ist sie? Lydia Daher weiß es selbst nicht, die Antwort bleibt aus. Wie das so ist in guten Texten. Sie geben keine leichten Antworten, sondern zeigen, wie schwer die Fragen sind.

Marcus Mäckler

Auftakt der Konzert-Reihe

„Die kleine Volksrevue“, morgen, 20 Uhr; 089/ 523 46 55.

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