Lied der Untat

- Harry Potter ist an allem schuld: Der finanzielle Erfolg der Reihe ermöglichte es seinem englischen Hausverlag, illustre Autoren dazu aufzufordern, ein Auftragswerk über "ihre Stadt" zu schreiben. Tomás Eloy Martínez schreibt über Buenos Aires - ein Reiseführer für literarisch Interessierte und Kunstfreunde, ein Kompendium voller Geschichten über die Stadt von Evita Perón, Jorge Luis Borges und des Tango.

Aber "Der Tangosänger" ist auch ebenso ein fantastischer Roman: Bei seiner Arbeit an einer Dissertation über die Essays von Borges erfährt Bruno, der Ich-Erzähler, von dem Tangosänger Julio Martel, von dem es keine einzige Plattenaufnahme gibt. "Er ist besser als Gardel", sagt man ihm - und der Satz gibt den Anstoß für Brunos Reise in die Stadt - immer auf der Suche nach dem geheimnisvollen Tangosänger Martel.

Der aber gibt keine Konzerte, singt nur spontan an unerwarteten Orten, an denen, wie sich nach und nach herausstellt, ungesühnte Verbrechen geschahen. Bruno jagt dem mysteriösen Sänger quer durch die Stadt nach, ohne dass es ihm gelingt, ihn zu Gesicht oder gar zu Gehör zu bekommen. Stattdessen ändert sich der Raum: Cafés, Orte und auch Personen wechseln ihre Namen - geben damit aber auch oft neue Geschichten frei.

Im Grunde interessiert sich Martínez mehr für die vielen Gesichter einer immer neu erscheinenden und immer neu faszinierenden Metropole als für seine Figuren, die er manchmal auffallend schnell verschwinden lässt, beinahe möchte man sagen, entsorgt. Als Ausgleich dafür taucht der Ich-Erzähler Bruno immer mehr in Labyrinthe von Raum und Zeit - die allerdings bei Buenos-Aires-Romanen oft strapaziert werden.

Das damit verbundene Wachrufen von vielgestaltigen Erinnerungen passt jedenfalls gut zur Struktur des Tango, ebenso wie das sprachliche Abtauchen in den Argot und auch die spielerische Verwechslung mancher Buchstaben. Den roten Faden des Romans, der all diese Gegensätze miteinander verbindet, bildet aber die Suche nach dem Tango - besser als Gardel (1890-1935) ihn singt. Vielleicht an sich schon eine Unmöglichkeit?

Hildegard Lorenz

Tomás Eloy Martínez: "Der Tangosänger".

Aus dem Spanischen von Peter Schwaar.

Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M.,

256 Seiten; 19,80 Euro.

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