Liederliche Verwüstungen

- "Lassen Sie uns fünf Minuten so tun, als wären wir in Köln!" Huch, droht hier etwa authentische Stimmungsmusik? Gute Laune ohne Grund? Zum Glück ist nach fünf Minuten alles vorbei - und der Auftakt dieses Abends in der Münchner Lach- und Schießgesellschaft entpuppt sich als geniale akustische Täuschung. Ein Mittel, das Pigor & Eichhorn lieben - so wie sie das Spiel mit Tabus lieben und das Jonglieren dem so strapazierten Begriff des "politisch Unkorrekten".

Eine pseudo-wissenschaftliche "Strukturanalyse" ist der feine rote Faden, um den sich dieses Programm rankt, doch der wird immer schnell verlassen für die liederlichen Verwüstungen von Frontmann Thomas Pigor (mit pittoresk in die Stirn gekämmtem Resthaar) in den verbotenen Gärten der Etikette. Der Charismatiker mit der starken Stimme ist bekennender Anti-Altruist, er hilft nicht beim Umzug, er findet Amerikaner zu dick, er mag Günther nicht zum Abschied umarmen, hasst "Kleine dicke Frau'n", die sich überall vordrängeln, und Wurstverkäuferinnen ("Ich werde nicht bedient, also bin ich nicht"), die ihn ignorieren. Da kommt einiges zusammen.  Nur schnöde aufgesagt, wäre das alles unvirtuos und weinerlich, doch von dieser sprühenden Truppe präsentiert, gehen alle Gemeinheiten runter wie Öl. Dafür sorgen neben Platzhirsch Thomas Pigor Pianist Benedikt Eichhorn, der mal sinnlich, mal energisch den Flügel strapaziert und - bei aller Loyalität - mit "Ich-bin-der-eigentliche-Star"-Attitüde heftig das Publikum anflirtet. Nicht zu vergessen Perkussionist Ulf Henrich, der auf einer wie selbstgelötet wirkenden Apparatur die harten "Beats" erzeugt. Gemeinsam sind sie unschlagbar - eine schillernde Boy Group der Kleinkunst, der nichts heilig ist. Nicht die lärmenden Heimwerker und auch nicht die Möchtegern-Chansonniers, die "à` la franç¸aise" dilettieren. Stimmung? Doch, doch, aber anders! Gute Laune? Nicht ohne Grund . .  . Bis Samstag, um 20 Uhr, Telefon 089/39 19 97.

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