1860 trauert um „Atom-Otto“

1860 trauert um „Atom-Otto“
+
Ein Spielball für die anderen: Woyzeck (Sohel Altan G., 2. v. re.) turnt dem Doktor (Pascal Fligg, re.) vor – zum Gaudium von Tambourmajor (Jakob Geßner, li.) und dem Hauptmann (Silas Breiding).

Getrieben von den eigenen Dämonen

So lief die Premiere von "Woyzeck" am Volkstheater

  • schließen

München - Starke Bilder, aber kein beherzt zugreifender Regisseur: Abdullah Kenan Karaca inszenierte am Münchner Volkstheater Georg Büchners Dramenfragment „Woyzeck“.

Alles so falsch. Falsch wie die Bergkulisse aus Pappmaché oder irgendeinem Kunststoff. Falsch wie der Plastik-Farn und der lieblich plätschernde Wasserfall, der jederzeit abgestellt werden kann. Es ist ein durch und durch falsches Idyll – unecht wie Woyzecks Leben, wobei der doch so verzweifelt und unbedingt das richtige zu suchen scheint.

Doch er weiß, wie es um die hübschen Attrappen – und um ihn selbst – bestellt ist: „Hohl, hörst du? Alles hohl da, Andres!“, ruft er und klopft auf die falschen Steine.

Wie die Kulisse, die Davy van Gerven auf die Bühne des Münchner Volkstheaters gebaut hat, nur Oberfläche ist, ohne festen Kern, so ist dieser Woyzeck: lediglich eine Menschenhülle, ohne Selbstbewusstsein, das sein Inneres ausfüllen könnte; getrieben ist er zunächst und vor allem von eigenen Dämonen.

Doch dann scheint auch noch die Gesellschaft – der Hauptmann, der Doktor, der Tambourmajor – diesen armen Kerl immer wieder abzuklopfen, wie jener zuvor die unechten Berge: „Alles hohl da.“ Selbst die Liebe wird diesem Mann keine Erlösung bringen können. Zärtlich, liebevoll wispern Woyzeck und Marie in der ersten Szene zwar miteinander – dennoch rollt der Donner bereits dumpf heran.

Änderungen an Büchners Textbaustelle als Bürde

Es sind starke Bilder, die Abdullah Kenan Karaca gleich zu Beginn seiner „Woyzeck“-Inszenierung am Volkstheater findet. Der junge, 1989 in Garmisch-Partenkirchen geborene Regisseur hat für das Fragment, das Georg Büchner (1813–1837) im Jahr vor seinem Tod niederschrieb, ein kluges Raumkonzept entwickelt.

Während im Hintergrund die Naturkulisse aufragt, markiert am linken Bühnenrand ein Toilettentisch die Kammer Maries, während rechts die Gesellschaft tafelt. In den stärksten Momenten des gut achtzigminütigen Abends, der am Donnerstag Premiere hatte, gelingt es Karaca, das Geschehen an diesen drei Orten geschickt zu verweben.

Da rasiert etwa Woyzeck seinen Hauptmann, und im Hintergrund kommen sich Marie und der Tambourmajor näher. Schade ist jedoch, dass der Regisseur und sein Dramaturg David Heiligers an Büchners Textbaustelle Änderungen vorgenommen haben, die der Inszenierung keinen neuen Dreh geben, sondern ihr eine Bürde aufladen: In jener Szene beispielsweise flirtet Marie heftig mit dem Uniformierten. Der letzte, entscheidende Schritt wird von diesem jedoch brutal erzwungen: Er vergewaltigt Marie. Damit ist sie Opfer – und nicht mehr jene Frau, die sich in den Armen des Tambourmajors in eine bessere Zukunft träumt.

 Unklar bleibt auch, warum sich Karaca und Heiligers entschieden haben, den gemeinsamen Sohn von Woyzeck und Marie zum Ungeborenen zu machen. Als der Tambourmajor hier nun großmault, er wolle mit ihr viele Nachkommen zeugen, nehmen Maries andere Umstände dieser Aussage allein schon aus biologischen Gründen die Wucht.

Für Sohel Altan G. ist der Woyzeck die erste Hauptrolle am Volkstheater. Mag er auch in manchen Szenen zu gesund erscheinen (ohne dass die Regie mit seiner Virilität viel anzufangen wüsste), beeindruckt er durch facettenreiches Spiel – gerade in stummen Szenen, ohne große Interaktion. Um seinen Hauptdarsteller hat Karaca ein bis in die kleinen Rollen spannendes Ensemble gruppiert.

Magdalena Wiedenhofer zeigt Marie als emotionale, auch selbstbewusste Frau. Ihr wäre ebenso wie Sohel Altan G. ein beherzter zugreifender Regisseur zu wünschen gewesen. Mit Silas Breiding als kauziger Hauptmann-Karikatur und Okan Cömert, der den so weißen wie weisen Idioten Karl spielt, stehen zwei Schauspieler erstmals auf der Volkstheater-Bühne, von denen man gern mehr sehen würde. Und Mehmet Sözer zeigt Andres in einer leisen, berührenden Studie als treuen, überforderten Woyzeck-Freund.

Langer, sehr herzlicher Applaus.

Nächste Vorstellungen:

am 30., 31. Oktober sowie am 7., 8. und 23. November; Telefon 089/ 523 46 55.

Michael Schleicher

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Streitschrift: Wie mit AfD-Sympathisanten umgehen?
„Mit Rechten reden“ ist eine Streitschrift über den Umgang mit AfD-Sympathisanten. Sie nähert sich dem Thema mit Logik, Polemik und Ironie. An diesem Donnerstag ist …
Streitschrift: Wie mit AfD-Sympathisanten umgehen?
Sänger sagt München-Konzert kurzfristig ab  - Hunderte Fans enttäuscht
Der Sänger Perfume Genius musste sein Konzert in München aus gesundheitlichen Gründen absagen. Eigentlich wäre er vergangen Mittwoch im Hansa 39 auf der Bühne gestanden. 
Sänger sagt München-Konzert kurzfristig ab  - Hunderte Fans enttäuscht
Jansons zum Konzertsaal: „Ich bin noch nicht beruhigt“
Der Architektenwettbewerb ist entschieden, ab 2018 könnte gebaut werden. Doch wie soll das Münchner Konzerthaus geführt werden? Dirigent Mariss Jansons denkt an eine …
Jansons zum Konzertsaal: „Ich bin noch nicht beruhigt“
Hisham Matar und sein schwieriges Vater-Land
Hisham Matar erzählt in „Die Rückkehr“ von seiner Heimat Libyen und von der Suche nach seinem Vater, der von Gaddafis Schergen entführt wurde. Dafür wird der Autor in …
Hisham Matar und sein schwieriges Vater-Land

Kommentare