Hellwach und theaterbesessen im besten Sinne: Angela Obst (32) kam vor zwei Jahren ans Staatsschauspiel und arbeitet derzeit mit an der „Liliom“-Produktion. foto: klaus haag

„Liliom“-Premiere: Interview mit Dramaturgin Angela Obst

München - Angela Obst, ist eine im besten Sinne theaterbesessene 32-jährige Berlinerin, die als Dramaturgin für das Bayerische Staatsschauspiel tätig ist. Im Interview spricht sie über ihren Blick auf Schauspieler.

Ein „Dramaturg“ ist, laut Nachschlagewerk, ein „literatur- und theaterwissenschaftlicher Berater bei Theater, Hörfunk und Film“. Aber was genau umgreift diese Beratung? Angela Obst, eine hellwache, im besten Sinne theaterbesessene 32-jährige Berlinerin, die nach Studium und Verlagsarbeit 2008 als Dramaturgin ans Bayerische Staatsschauspiel kam, hat uns da weitergeholfen. Ein halbes Jahr war sie beschäftigt mit Ferenc Molnárs bekanntestem Stück „Liliom“ (Uraufführung: Budapest 1909) über einen jugendlich lümmelhaften Karussell-Ausrufer, der durch Arbeitslosigkeit in die Kriminalität abrutscht und sich mit einem Messer in die Brust aus Leben und Verantwortung stiehlt. Die Inszenierung von Florian Boesch hat an diesem Freitag, 19 Uhr, Premiere im Münchner Residenztheater.

-Dramaturgen machen Programmhefte, lesen Stücke, kümmern sich um Sekundärliteratur, so viel weiß man. Aber wie sieht die Mitarbeit bei einer Inszenierung aus?

Das ist bei jeder Produktion anders, ist auch abhängig von dem jeweiligen Regisseur. Der kann auch sagen: Mach Dein Programmheft – und man kommt ansonsten nicht zusammen. Natürlich brauche ich jemanden, der sich mit mir auseinandersetzen will... Florian Boesch und ich haben zusammen eine Textfassung erarbeitet, die sehr schlank ist. Figuren wurden zusammengelegt oder gestrichen. Durch diese Fassung hat man schon mal eine dramaturgische Fährte gelegt. Das ist ähnlich, wie wenn man für eine Shakespeare-Inszenierung eine Übersetzung sucht und endlich eine findet, die genau den Ton hat, den man für diese Arbeit braucht. Das Nächste ist die Besetzung, die ja auch bereits eine Interpretation ist. Und da ergibt es sich schon mal, dass ich mich einbringen kann, weil ich einen anderen Blick auf die Schauspieler habe als der Regisseur... Die Julie, die der Liliom heiratet, ist bei uns Anne Schäfer. Sie ist ein bisschen älter als die Figur im Stück, hat in dieser Rolle etwas Sprödes, Trotziges. Man könnte sie aber auch jung oder ganz anders, sogar gegen den Text besetzen.

-Der nächste Schritt?

Die Proben. Mit den Schauspielern, dem Regie-Team – es gibt dann auch schon ein Bühnenbild-Modell und erste Kostüm-Ideen – geht man in die erste Woche, schaut sich zusammen in Ruhe den Text an und erzählt ein bisschen, in welche Richtung man den Text lesen möchte. Dann ziehe ich mich eine Weile aus den Proben raus. Wenn ich wieder dazu stoße, kann ich einen frischen Blick auf das Erarbeitete werfen. Dann sage ich: Das erzählt mir’s, und das verstehe ich. Oder: Das verstehe ich nicht.

-Eine Dramaturgie-Hospitanz am Deutschen Theater Berlin, schon während Ihrer Schulzeit, war, wie Sie sagen, prägend...

Ich musste Probenprotokolle schreiben. Da habe ich gelernt, die Schauspieler ganz genau zu beobachten, mir Situationen zu merken, mir eine Figur zu erarbeiten, einfach nur anhand von dem, was sich auf der Bühne entwickelt.

- Was wäre denn im Falle „Liliom“ so eine Beobachtung, aus der sich dann auch eine dramaturgische Überlegung ergeben könnte?

Die Karussell-Besitzerin, die mit Liliom ein Verhältnis hat, ihn aber wegen Julie rauswirft, geht zwei Monate später zu dem Paar, um Liliom zurückzuholen. Und da muss man sich gut überlegen: Was erzählt man mit dieser Figur? Erzählt man von einer Frau, die eher die Chefin ist? Oder betont man die Liebesebene? Der Blick von außen kann dann fragen: Wollt Ihr das so? Oder wollt Ihr lieber nicht die andere Ebene noch stärken, sodass es komplexer wird?

-Sie haben vergleichende Literaturwissenschaft, Geschichte und Politik studiert und aus diesem Hintergrund ja auch den „Politischen Salon“ mit dem Berliner Politologen Herfried Münkler initiiert. Die fünfte Runde ist am 19. März im Marstall. Was hat Sie an „Liliom“ interessiert, und konnten Sie Ihre Gedanken beitragen?

Florian Boesch und ich waren da ganz schnell an dem selben Punkt: Liliom könnte sich ja nach seinem Rausschmiss eine normale Arbeit suchen, in einer Fabrik zum Beispiel. Das kann er alles nicht. Er kann nur das eine, auf dem Rummelplatz den Ausrufer machen. Und dieses ganz Unflexible des Liliom, was erzählt uns das von unserer Zeit, in der jeder darauf trainiert wird, möglichst flexibel zu sein, was der Maßstab eigentlich an uns als Arbeitnehmer ist? Dieses Moment der Zeitenwende war so ein Ausgangspunkt. Und dann kam die Bühnen- und Kostümbildnerin Dorothee Curio dazu mit ihrer Gedankenwelt, mit ihren formalen ästhetischen Interessen.

Das Gespräch führte

Malve Gradinger.

Premiere

am 19. März;

Telefon 089/ 2185-1940.

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