Lindas Strumpfhaltergürtel

Kammerspiele: - Am Ende pfeift er sich eins: Willy Loman ­ bis jetzt ein unsympathischer Prolet, ein schnell zuschlagender Choleriker ­ wird ganz leicht und nostalgisch in seiner Erinnerung an schönere Zeiten. Die hatte er offenbar, als der kubanische Unabhängigkeitssong "Guantanamero" aktuell war. Denn mit diesem Lied auf den Lippen setzt sich Willy Loman aufs Sofa. Jetzt kehrt Ruhe ein. Seine Arme werden zu Flügeln als würde seine Seele aufsteigen. Dann legt er sich lang. Ein weicher, zärtlicher Tod. Und der beste Moment dieser Aufführung: "Tod eines Handlungsreisenden" als Gastspiel der Berliner Schaubühne ­ mit Thomas Thieme als Titel-"Held" Willy Loman.

Bis dahin aber berserkert das sentimentale Schwergewicht gemäß jenem Kuba-Lied durch das Dickicht der Gefühle wie "ein verwundeter Hirsch, der im Gebirge Zuflucht sucht". Dazu hat Bühnenbildnerin Katrin Brack fantastisch hinters karge Wohnzimmermobiliar einen Urwald aus grünen Kübelpflanzen aufgestellt, durch den sich die Figuren bei ihren Auf- und Abtritten hindurchzuschlagen haben.

Interessant ist der Vergleich mit dem "Handlungsreisenden", wie er mit Lambert Hamel am Residenztheater zu sehen ist, schon. Gestattet Hamel dieser in ihrer tragischen Selbstüberschätzung ja auch komischen Figur eine enorme Fallhöhe ­ nämlich heraus aus der Lebenslüge eigener Bedeutung auf den banalen Boden der persönlichen, familiären und sozialen Misere ­, so zeigt Thieme diesen Willy Loman von Anfang an als einen, der nie "oben" war. Der ist hier einfach nur ein widerlicher Kerl, fett und schamlos. Ein Handlungsreisender, der zu Recht aus dem Geschäft genommen wird. Kaum zu glauben, dass er je drin war.

Insofern ist die Aufführung nicht besonders interessant. Alles wird von Anfang an platt ausgebreitet. Regisseur Luk Perceval erweist sich als Mann fürs Grobe. Gleich zweimal schickt er eine üppigst ausstaffierte Porno-Queen auf die Bühne, um den armen Willy bei der Befriedigung seiner wenig erhabenen Bedürfnisse vorzuführen. Seine Schauspieler lässt Perceval brüllen und sabbern, als könnten sie‘s nicht besser.

Dass bei ihm das 50er-Jahre-Stück heute angesiedelt ist, konkret an dem Tag der jeweiligen Aufführung, ist nicht ohne Witz. Das häusliche Leben der Lomans spielt sich vor dem Fernseher ab. Und bei der Münchner Premiere waren die TV-Nachrichten von der Verleihung des Karls-Preises an Solana zu vernehmen. Zunächst nicht unoriginell, aber letztlich ist das doch nur ein oberflächlicher Witz, eine Pseudoaktualisierung. In Wahrheit nämlich interessiert sich Perceval nicht für die Menschen da auf der Bühne. Er und Thieme drücken dem Stück ihre persönlichen, ihre privaten Vorurteile auf. Es reiht sich Klischee an Klischee. Und besonders bezüglich der Frauen ist das besonders bekloppt.

Da mag Carola Regnier als Linda Loman noch so überzeugend sein, eine Frage wird man bei dieser Inszenierung nicht los: Wenn Perceval alles am 17., 18. oder 19. Mai 2007 spielen lässt ­ warum zum Teufel trägt dann diese Linda Strümpfe und einen Strumpfhaltergürtel wie vor 50 Jahren? Doof, demütig, anspruchslos ­ das soll‘s ja heute noch geben. Aber dieser Hüfthalter ­ der bringt die zeitgenössischsten Figuren um.

Letzte Vorstellung: An diesem Samstag, 20 Uhr.

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