Ab zur Lindenstraße

Salzburg - Martina Gedeck geht flott wie jemand, der gerade noch rechtzeitig vor Vorstellungsbeginn das Theater erreicht hat, durchs Parkett - und auf die Bühne. Sie schiebt die schwarze "vierte Wand" hin zu den Zuschauern hoch. Sichtbar wird in diesem schwarzen Raum eine karge Büro-"Schachtel".

Damit begann am Freitagabend die letzte große Schauspielpremiere der Salzburger Festspiele. In Koproduktion mit dem Deutschen Schauspielhaus in Hamburg brachte man Simon Stephens' Stück "Harper Regan" als deutsche Erstaufführung heraus.

Der britische Autor (Jahrgang 1971) ist zurzeit einer der meistgespielten zeitgenössischen Dramatiker auf der Insel und in Deutschland. In München läuft aktuell wieder ab 4. Oktober im Marstall des Bayerischen Staatsschauspiels "Country Music". Mit "Motortown" (2006) und "Pornographie" (2007), Dramen über Kriegsleid und Terrorattentate, machte Stephens sich einen Namen und heimste diverse Auszeichnungen ein. Damit wurde er wohl für die Festspiele interessant, zumal man ein "neues" Stück präsentieren konnte. "Harper Regan" krebst jedoch lediglich auf dem Niveau gehobener Drehbücher für Langzeitserien im Fernsehen herum: "Lindenstraße", ein bisschen aufgepeppt mit soziopolitischer Betroffenheit: Rassismus/Ausländerfeindlichkeit/Antisemitismus, Eltern-Kind-Zoff, Szenen einer Ehe, Arbeitnehmer-Unterdrückung, Schulstress und als Krimi-"i-Tüpferl" (vielleicht) Kinderpornographie. Dazu das Trostpflaster: Familie ist doch das beste, was es gibt.

All das ist handwerklich solide in kurze Szenen gefasst, gleichwohl höchstens dann festspieltauglich, wenn die Umsetzung brillant wäre. Die Hamburger bauten dabei auf den bewährten Stephens-Inszenator Ramin Gray (Londoner Royal Court Theatre). Der hatte genau einen Einfall für "Harper Regan": Nämlich, dass die Zuschauer nach jeder Episode, die die Titelfigur erlebt, verfolgen dürfen, wie das Bühnenbild (Ausstattung: Jeremy Herbert) umgebaut wird. Das ist zunächst amüsant, schließlich penetrant mit seinem Dauersignal: Wir spielen hier Theater! Eine Spiegelwand holt zudem nicht nur den Wolkenhimmel ins finstere Bühnengeviert - hübsch; sondern reflektiert allzu symbolträchtig ab und an den Zuschauerraum - altbacken.

Die Rettung der Premiere hätte danach nur noch von den Schauspielern kommen können. Man hatte sich immerhin die Fernseh- und Filmgröße Martina Gedeck und den exzellenten Manfred Zapatka geholt. Bei der ersten Szene des Stücks zwischen Harper und ihrem Chef - die beste, die Simon Stephens in seinem Drama gelungen ist - hätten sie sofort zu Bestform auflaufen müssen: Da spielt sich ein zynisch-sadistisches Kabinettstückchen an Brutalkapitalismus ab. Selbst der Tod wird nicht mehr respektiert, und zugleich verhöhnt der "Täter" sein "Opfer". Weil es so gut arbeitet, ist es eben selbst schuld, wenn es nicht frei bekommt. Möglicherweise waren Nicht-Regie und Premierennervosität die Gründe dafür, dass Gedeck weder ihren Sprachfehler bezwang, noch ihrer Figur Farben geschweige denn Nuancen verschaffte. Obwohl ihre Rolle in angloamerikanischer Tradition ganz als Schauspieler-Futter geschrieben ist.

Folglich agierte Zapatka mit seinen drei Figuren (Chef, Liebhaber, zweiter Mann von Harpers Mutter) ins Leere. Er setzte trotzdem feine Akzente, die in dieser Null-Inszenierung sogleich versickerten. Aljoscha Zinflou, Samuel Weiss, Marie Leuenberger und Marlen Diekhoff entledigten sich ihrer Aufgabe aufrecht und aufrichtig. Offenbar reagieren britische Regie und deutsche Schauspielkunst nicht miteinander: Experiment gescheitert. Dann doch lieber "Lindenstraße".

Weitere Aufführungen:

heute bis 29. August, Karten: 0043/662/80 45 500.

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