Auf Linie gebracht

- "Gegen Kandinsky" ist: für Kandinsky. Gut gewählt hat das Münchner Museum Villa Stuck den provokanten Titel der neuen Ausstellung. Die Kuratorin Margarita Tupitsyn, selbst entsprossen aus russischen und US-amerikanischen Wurzeln, hat dem Haus ein bemerkenswertes Konzept beschert. Sie hat sich in der Sowjetunion, in Deutschland und den USA Künstler herausgepickt, die sich gegen Wassily Kandinskys Ideen und Theorien stellten.

Die Geschichte beginnt nach dem "Blauen Reiter", also nach der bayerischen Zeit des Russen, der zusammen mit Franz Marc diese kunst-revolutionäre Gruppe ins Leben gerufen hatte. Was heute unter Expressionismus oder Orphischem Kubismus firmiert, war ein eigenständiger Zugang zu einer Welt, die nach dem Ende des 19. Jahrhunderts nicht mehr mit den gängigen Denk- und Seh-Schemata erfasst werden konnte. "Das Geistige in der Kunst" war ein Ziel: Kandinsky theoretisierte gern, war zugleich ungeheuer vielseitig interessiert ­ an Werken von der Antike bis heute, von Volkskunst bis Südsee-Arbeiten.

Widersacher Hitler und Stalin

Erster Weltkrieg und Russische Revolution waren gewaltige Erschütterungen, brachten die Erneuerung der Kunst jedoch nicht aus dem Tritt. Zurück in Moskau scharte Kandinsky 1920 Künstler wie Alexander Rodtschenko oder Warwara Stepanowa um sich, werkelte engagiert weiter, organisierte und analysierte. Plötzlich stieß sein doch eher emotionaler Umgang mit Farbe, Form und Linie auf Widerstand. Waren die Zeiten kälter, härter, nüchterner geworden?

Hand-Linie contra Lineal-Linie. Gebautes contra Gemaltes. Nützliches contra Selbstzweck. In der Villa Stuck hängen die Bilder der Kontrahenten nebeneinander. Bunt und verspielt Kandinsky, der in kürzelhaften Flecken, Tupfen, Streifen geheimnisvolle Nachrichten zu übermitteln scheint. In den Farben sehr zurückgenommen -­ zum Teil bis auf Schwarz und Weiß -­ die anderen. Klare, gerade Linien schneiden die Flächen, trennen oder fügen zusammen. Einige Plastiken legen außerdem lebhaft Zeugnis ab von einer enormen Erneuerung, an der der sonst so inspirierende Kandinsky keinen Anteil hatte: am Hinauswuchern von Linie und Fläche in die Dreidimensionalität. Im Grunde sind das alles keine echten Gegensätze, sondern schlicht unterschiedliche Möglichkeiten, sich künstlerisch auszudrücken.

Allerdings geriet Kandinsky auch in Deutschland am Dessauer Bauhaus in einen ähnlichen Konflikt. Seit Architekt Hannes Meyer ­ in der Schau mit einigen sehr schönen abstrakt-geometrischen Bildern vertreten ­ dort Direktor war, hatten es die freien Künste schwer. Auch hier wurde der Nützlichkeitsgedanke an die Kunst herangetragen. Diese ästhetischen Geplänkel sind jedoch nichts im Vergleich zu den Vernichtungsschlägen der eigentlichen Widersacher: Hitler und Stalin. Sie versuchten, die Kunst auszulöschen. Amerika wurde die Zuflucht. Künstler wie Carl André, Donald Judd, Jackson Pollock oder Frank Stella nahmen die "Linien" auf, egal ob pro oder contra Kandinsky, führten sie expressiv oder minimalistisch, jedenfalls wundervoll vital weiter. Gut zu vergleichen nun in der Münchner Stuck-Villa.

Unendlich schmerzlich aber ist zu sehen, wie verschreckt und verzweifelt die Kunst in Stalins Reich dahinvegetierte. Wenn die Kuratorin - gleichartige Werk-Ideen der Russen aus den 20er- und der US-Amerikaner aus den 60er-/70er-Jahren in einen Dialog stellt, wird erst klar, wie grandios avantgardistisch die Russen waren und wie total sie dann in die Bedeutungslosigkeits-Katastrophe stürzten.

Ein Fanal dafür ist im letzten Raum Rodtschenkos "Expressiver Rhythmus" von 1943/44. Eine große, quer gelagerte, aquarellartige Arbeit auf Papier, die Kandinskys aufgewühlte Linien seelenvoll aufgriff und in Tropfen und Tropfenverläufen unbemerkt eine Revolution vorwegnahm. Für die wurde Pollock gefeiert.

Bis 18.2.07, Katalog: 28 Euro, Tel. 089/ 45 55 510, weiterführende Infos zum Thema

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