Die Linien tanzen sehen

- 20. April 1933, überall wird Hitlers Geburtstag gefeiert. 21. April, Paul Klee wird als Professor der Düsseldorfer Kunstakademie beurlaubt. Knapp, scharf charakterisieren die historischen Schautafeln - dann auch Briefe und Fotos - im Münchner Lenbachhaus das Klima im Jahr der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Unliebsames merzten die Machthaber systematisch im großen Stil aus. Die Ausstellung "Paul Klee 1933" präsentiert nicht lediglich Arbeiten aus dieser Umbruchszeit des Künstlers, sondern insbesondere eine bisher unbekannte Werkgruppe.

<P>Sie hatte der Maler und Zeichner nie aus der Hand gegeben, hatte allerdings Kollegen gegenüber erwähnt, dass er damit die "nationalsozialistische Revolution" dargestellt habe. Erst in den 80er-Jahren begann man, die Zeichnungen (wohl 246 Blätter) zuzuordnen. Im schönen Katalog sind sie alle zu sehen.<BR><BR>Klee war den NS-Schikanen schon länger ausgesetzt<BR><BR>Kuratorin Pamela Kort hat rund hundert davon für die Schau ausgewählt, die auch nach Bern, Frankfurt a. M. und Hamburg geht. Ergänzt wird dieses Furioso der Linie - sei's Bleistift, sei's Fettkreide - durch einige aufregende und erstaunlich unterschiedliche Gemälde; auch alle von 1933. Klee war schon länger den NS-Schikanen ausgesetzt gewesen, '33 spitzte sich die Lage jedoch deutlich zu. </P><P>Er verlor sein Einkommen, wurde beschimpft und zum Beispiel durch eine Hausdurchsuchung kriminalisiert. Am Endes des Jahres gelang die Übersiedlung in die Schweiz, wo Paul Klee 1940 starb. Trotz des Drucks war 1933 mit insgesamt 482 Arbeiten die produktivste Zeit des Künstlers. <BR><BR>Was bei Klees Zeichnungen vielleicht mehr verblüfft als die oft nur angedeutete politische Aussage, ist sein sagenhaftes Können. Diese Striche tanzen zu sehen, ist eine Freude. So viel Leichtigkeit und Freiheit in der Ausführung, so viel Lebensklugheit und Witz im Handgelenk mussten engstirnige und -herzige Kunst-Kleingeister erschrecken. </P><P>In der Ausstellung ist wunderbar nachzuvollziehen, wie sich Klee vorwärts zeichnete - hinein in eine stete Schaffensentwicklung. In diesen Blättern wächst sein Oeuvre kraftvoll. Sie sind Kunst und zugleich Material der Kunst. Egal welche Zeichnung man herausgreift, sie ist eine Gabe an den Betrachter. <BR><BR>Wie liebevoll schmiegen sich "Die Armen!" ineinander - auch wenn die große Nase des einen einen humoristischen Akzent setzt -, wie sehr entströmt diesen sich zu einem rührenden Menschen-Block formenden Strichen tiefste Zuneigung. Oder das Paar in "auswandern". Die Linien werden zu straffen Energie-Signalen. Bei der Frau etwas lockerer; sie trauert, beugt sich dem Schmerz. Beim Mann verhärtet sich alles zu Rastern; der Körper ist so verkrampft, wie die Fäuste geballt sind. <BR><BR>Spöttisches, etwa "vermeintliche Größen" oder "wenn die Soldaten degenerieren" (alle Titel stammen von Klee selbst), wechselt sich ab mit Gewaltszenen, Leid und Furcht, aber auch mit Tier- und Zirkusmotiven. <BR>Dieses unermüdliche und unendlich leidenschaftliche Suchen mit Bleistift und Kreide nach der innersten Aussage verdichtet sich in den Gemälden. In schönstem Mittelmeerblau - angedeutet eine tanzende Figur - verkörpert sich "Europa". Hellblau und rosa getönte Flächen schieben und haken sich ineinander, im Zentrum ein roter Punkt, auf den ein blauer Pfeil zielt: Das ist "Tragodia". <BR><BR>Politisch eindeutiger formuliert sich Paul Klee in "von der Liste gestrichen" oder "Maske roter Jude". Ob Ölfarbe dicht und fest wie gemauert, ob die bröckelnde Lockerheit der Kleisterfarbe, die mit dem Messer bearbeitet wurde, in diesen Bildern verewigt der Künstler jeweils ein Antlitz. Er hält fest, was ausgelöscht, bannt wie mit magischer Geste auf Leinwand oder Papier, was eliminiert werden sollte: das Gesicht der Menschlichkeit. </P><P>Vom 8. Februar bis 4. Mai; Tel. 089/ 233 320 00; Di.-So. 10-18 Uhr; Führungen samstags 15.30 Uhr; Katalog, Walther König Verlag: 28 Euro.<BR><BR><BR></P>

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