Linkshänder als Meister des Spiels

- "Wir alle werden verrückt geboren. Manche bleiben es." Es sind die einfachsten Wahrheiten, die Samuel Beckett, der irische Schriftsteller und Nobelpreisträger, in seinen Texten äußert. So einfach, dass sie von der interpretationssüchtigen Menschheit als "absurd" bezeichnet und Beckett mit seinen Stücken der Gattung "Absurdes Drama" zugeordnet wurde. Was dann zutrifft, wenn die menschliche Existenz, wenn das Leben an sich als "sinnlos" akzeptiert würde. "Meine Theaterstücke sind nur Spiel. Erst andere haben daraus Ernst gemacht." Auch so ein Beckett-Satz. Er stellt all jene, die seine Stücke auf die Bühne bringen wollen, vor die kaum lösbare Aufgabe, sie nicht mit Eigenem zu beschweren.

"Unsere Zeit ist so aufregend, dass man die Menschen

eigentlich nur noch mit Langeweile schockieren kann."

Samuel Beckett

Trotzdem versuchen sie es immer wieder, auf der ganzen Welt. Der am 13. April 1906 in Dublin geborene Samuel Beckett - unsterblich durch sein "Warten auf Godot" - wäre an diesem Donnerstag 100 Jahre alt geworden.

Ein Jahrhundert-Künstler. Der Dramatiker, über dessen "Godot" Bertolt Brecht, die zweite Theater-Ikone dieser Zeit, nie hinweggekommen ist. Weil er kurz vor dem eigenen Tod, 1956, schmerzlich erkannte, dass er selbst mit seinen Dramen und der Philosophie des dialektischen Materialismus nie an den Kern der menschlichen Existenz, nie an das Göttliche herankommen konnte.

Dabei ging Becketts Stern erst nach dem Zweiten Weltkrieg auf - 1953 in Paris, mit der Uraufführung von "Warten auf Godot". Einige Monate später dann die deutsche Erstaufführung in Berlin. Und am 27. März 1954 erstmals das Stück in München. In einer legendären Aufführung. An den Kammerspielen in der Regie von Fritz Kortner - mit Heinz Rühmann als Estragon und Ernst Schröder als Wladimir, Friedrich Domin als Pozzo und Rudolf Vogel als sein Sklave Lucky. Besser geht's nicht. Dennoch kam es in Folge dieser Inszenierung zu historischen Fehlurteilen, jedenfalls was Beckett betrifft, durch die Münchner Kritik: ". . . zuerst interessant, später penetrant und schließlich eine reine Zumutung." Oder: "Zu lange dauert das ganze Stück." Und: "Genug der Deutung, das Ganze ist ein Jux!" Einig zeigte man sich einzig in der Bewertung der großartigen Schauspieler und der positiven Beurteilung der Regie: "Dramatisiertes Hohngelächter und Gespensterdult der verlorenen Seelen."

Heute ist "Warten auf Godot" längst unangefochtener Klassiker. In seiner wunderbaren Einfachheit und Tiefe ist es nicht nur zeitlos. Es ist darüber hinaus für beinahe jedes Alter und damit auch fürs Jugendtheater geeignet, was die Münchner Schauburg vor vielen Jahren unter Beweis gestellt hat.

Der 13. April, an dem nun Becketts Hundertster begangen wird, ist als Geburtsdatum allerdings nicht gesichert. Eine Beckett-Biografin meint, dass der Schriftsteller am 13. Mai geboren worden sei, ihm aber jener 13. April 1906, der ein Karfreitag war, passender erschienen sei zu seiner düsteren Grundhaltung, die sich speist aus der Verlorenheit des Menschen.

Aufgewachsen in einem Dubliner Vorort, war Beckett als Sohn einer wohlhabenden protestantischen Unternehmerfamilie im katholischen Irland ein Außenseiter. Er studierte Französisch und Literatur und profilierte sich als ehrgeiziger Sportler. Der Linkshänder ging als wurfstarker Cricket-Spieler in die Annalen dieser Disziplin ein. 1928 ließ sich Beckett als Englischlektor in Paris nieder. Von dort aus unternahm er regelmäßig Fahrten nach Kassel, wo eine Tante lebte und in deren Tochter er sich verliebt hatte. Was zwar nicht zur Ehe führte, aber doch zu so guten Deutschkenntnissen, dass er später, als berühmter Autor, seine Stücke in Berlin ohne Sprachprobleme selbst inszenieren konnte.

"Wir fragen immer nur, ob es ein Leben nach dem Tode gebe.

Wir sollten fragen: Gibt es ein Leben nach der Geburt?"

Samuel Beckett

In den 30er-Jahren mit dem deutschen Faschismus konfrontiert und angewidert vom Nationalsozialismus, stellte sich Beckett nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Frankreich der Ré´sistance zur Verfügung. Er agierte als Kurier und beteiligte sich an der Sabotage gegen deutsche Einrichtungen.

Schrieb er bislang in seiner Muttersprache, wechselte er nach dem Krieg, erstmals mit "Warten auf Godot" (1948 entstanden), ins Französische. Beckett ist nie stehen geblieben. Geprägt durch die Erfahrung der Weltkriege, des Völkermords und der ersten Atombombe, zeigt er die Menschen als in die Zeit geworfene Geschöpfe. Trostlosigkeit und Komik - das sind die beiden Seiten ihrer kleinen Existenz zwischen Geburt und Tod.

Am 22. Dezember 1989 stirbt Samuel Beckett, nur wenige Monate nach seiner Frau Suzanne, mit der er 40 Jahre zusammengelebt hat.

Samuel Beckett (1906-1989), fotografiert von John Minihan 1981; entnommen "Becketts Freundschaft" von André Bernold. Dieses Buch erzählt sehr schön von der Leichtigkeit des Umgangs mit einem vermeintlich schwierigen Genie (Berenberg Verlag, Berlin, 112 Seiten; 19 Euro).

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