Literarisches "Wunderkind"

- Paris) - Flavia Bujor gilt mit ihren 14 Jahren in Frankreich als literarisches "Wunderkind" der Saison. Alles an der Tochter einer rumänischen Einwandererfamilie in Paris wirkt kindlich: das Lächeln, das unschuldig und herzlich ist, der offene und ehrliche Blick, die Art und Weise zu reden - frei von der Leber, weder altklug noch wichtigtuerisch.

 Umso mehr erstaunen ihre Gedanken über den Tod, der in ihrem Debütroman "Das Orakel von Oonagh" "streikt", weder gut noch böse ist und bereits am Anfang jeden Lebens vorgezeichnet ist. Am Donnerstag (20. Februar) kommt das Buch (Verlag List) mit der selten hohen Startauflage von 60 000 Exemplaren in den Buchhandel. <P>Der Fantasy-Roman spielt in einer zweigeteilten Welt, in der drei junge Mädchen der Macht der Steine begegnen und gegen die finsteren Kräfte der Unterwelt kämpfen. Das 384 Seiten lange Werk sorgte in Frankreich unter dem Titel "La prophétie des pierres" im Herbst für Aufsehen: "Die Spontanität und Frische ihrer Schreibe und der imaginäre Reichtum machen aus diesem Erstling ein wirkliches Ereignis", schrieb Frankreichs Presse.</P><P>Als Flavia Bujor diesen Roman über die Heldinnen Jade, Opale und Ambre schrieb, war sie gerade 12 Jahre jung. "Ich war schon immer von Büchern begeistert", sagt sie zu Hause in Paris der dpa und fügt hinzu: "Meine Eltern erzählten mir als kleines Kind immer viele Geschichten und Märchen. Ich wollte schon immer früh lesen lernen, um auch Geschichten erzählen zu können." So begann sie mit fünf Jahren bereits zu lesen und sich Märchen auszudenken, die sie ihren Puppen erzählte. In der Schule wurden die Puppen durch Klassenkameraden ersetzt.</P><P>"Diesen Roman habe ich wie ein Feuilleton geschrieben und kapitelweise an meine Freunde zum Lesen gegeben", sagt Flavia Bujor. Auf die Nachfrage, ob sie denn wirklich ganz allein das Buch verfasst haben, antwortet das junge Mädchen mit dem braunen, taillenlangen, leicht gelockten Haar ohne jedes Zögern: "Ja, und am Manuskript hat der Verlag fast nichts geändert."</P><P>In Frankreich wurden in nur wenigen Wochen 10 000 Exemplare des fantastischen Märchens verkauft, das von einem Mädchen ihres Alters handelt und in einem Pariser Krankenhaus mit dem Tod ringt. In ihren Fieberfantasien träumt sie von den drei Nymphen Opale, Jade und Ambre, die mit Hilfe der Macht der Steine und der Kraft der Hoffnung das Böse verdrängen. Die Roman spielt in einer akribisch ausgestalteten Welt von ungewöhnlicher Komplexität, die an John Ronald Reuel Tolkien erinnert und aus Bumblinks, Ghibduls und der Mär besteht, einem Land voller Zauberer und anderer merkwürdiger Gestalten.</P><P>In der fantastischen Welt der jungen Autorin wimmelt es von schalkhaften Wesen, Besitzern von Zauberringen und Zauberformeln, Heilern und bösen Mächten. Auch bei ihr hat die Natur einen höheren Stellenwert als Maschinen und siegen allgemeine Tugenden wie Treue, Mitleid, Tapferkeit und der Glaube an das Gute. Kein Wunder, dass der Autor von "Der Herr der Ringe" neben Michael Ende zu ihren Lieblingsautoren zählt.</P><P>Der Roman ist sorgfältig konstruiert, spannend geschrieben und soll in nur sechs Monaten entstanden sein. "Ich schreibe nicht regelmäßig. Ich schreibe nur, wenn ich Lust dazu habe, nach der Schule, am Wochenende oder in den Ferien", sagt die Tochter einer Psychoanalytikerin und eines Bildhauers. Derzeit schreibt sie an einer neuen Geschichte. "Ich weiß nicht, was daraus wird. Diese Geschichte ist ganz anders, denn ich will mich nicht wiederholen und in keine Schublade gesteckt werden."</P><P>Flavia Bujor wohnt in Paris im 20. Arrondissement in der Nähe der Place de la Nation im 7. Stock eines gepflegten Gebäudes aus rotem Ziegelstein. Vom Fenster des Wohnzimmers aus, das mit Büchern vollgestellt ist, blickt man auf einen kleinen Park: Die Gegend ist ruhig und friedlich. "Ich bin Einzelkind und beschäftige mich viel mit mir selber", erzählt der schlanke, hoch gewachsene Teenager. Flavia Bujor sieht sich "wie jedes andere Mädchen in ihrem Alter": sie fährt gerne Ski, geht ins Kino und trifft sich oft mit Freunden. "Ich habe mich nicht verändert. Am Anfang hatte ich etwas Angst vor der Reaktion meiner Mitschüler. Aber ich bin eine Schülerin wie jede andere", antwortete die 14-Jährige, zu deren Lieblingsfächern Literatur und Geschichte zählen - und Deutsch.</P><P>Flavia Bujor <BR>Das Orakel von Oonagh<BR>List, München<BR>384 S., Euro 18,00<BR>ISBN 3-471-77260-X</P>

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