Literatur-Nomade

München - Der Adelbert-von-Chamisso-Preis der Robert Bosch Stiftung wird heute Abend in der Münchner Allerheiligen-Hofkirche an Sa(s)a Stani(s)i(´c) verliehen. Die Laudatio hält Wolfgang Herles. Die Förderpreise gehen an die gebürtige Ungarin Léda Forgó und den Tschechen Michael Stavari(c).

Im Gespräch: Schriftsteller Sa(s)a Stani(s)i(´c) über Erfolg, Inspiration und Theater

Geehrt werden die Autoren nicht nur für ihre Werke, sondern auch für ihr besonderes sprachliches Können: Sie schreiben nicht in ihrer Muttersprache, sondern in Deutsch. Stani(s)i(´c) wurde 1978 in Vi(s)egrad, Bosnien-Herzegowina, geboren und studierte ab 1992 in Deutschland.

Sie haben mit Ihrem Erstlingsroman "Wie der Soldat das Grammofon repariert" 2006 großen Erfolg erzielt. Nun sind Sie der jüngste Chamisso-Preisträger. Wie fühlt man sich dabei?

Eigentlich ganz in Ordnung ­ und auf jeden Fall ziemlich überrascht. Aber wenn die Dinge wirklich gut laufen, dann sollte man das auch genießen.

Verbindet Sie etwas mit Chamisso?

Neben der offensichtlichen biografischen Parallele der Flucht nach Deutschland gibt es noch etwas anderes: Ich träumte früher auch davon, die Welt zu umsegeln.

Sie geben viele Lesungen, reisen viel. Fühlen Sie sich als eine Art Literatur-Nomade?

Ich bin eher in dem, was ich lese, ein Literatur-Nomade. Mir ist nichts fremd ­ vom Science-Fiction-Schinken bis zur barocken Lyrik. Ich kann in den meisten Genres etwas Verwertbares finden, irgendeine Art Vergnügen oder Erkenntnis gewinnen. Das Reisen ist eine willkommene Nebenwirkung des Schreibens, sei es wegen Lesungen oder wegen Recherchearbeiten.

In Ihrem Roman geht es auch um den Verlust von Kindheit, um den Verlust von Geborgenheit und Heimat. Glauben Sie, dass Sie mit "Wie der Soldat das Grammofon repariert" deutsche Leser für das Leid im Bosnienkrieg sensibler gemacht haben?

Ich kann das nicht sehr gut beurteilen, aber empfehle in diesem Zusammenhang und mit größter Überzeugung die Arbeiten der Fotografin und Video- und Performancekünstlerin Ejla Kameric. Ich selbst war das letzte Mal vor anderthalb Jahren in Bosnien-Herzegowina. Es fällt mir also schwer, mich über die jetzige Lage zu äußern.

Im März wird am Grazer Schauspielhaus Ihr Stück "Go West. Eine Familie wandert aus" uraufgeführt.

Es handelt sich um ein musikalisches Projekt, das ich zusammen mit dem Regisseur Tom Kühnel und der Puppenspielerin Suse Wächter entwickelt habe. Eine singende Familie wandert aus Österreich in die USA aus und wagt dort den Versuch einer Karriere in der Musikindustrie. Einige Nebenfiguren sind die Bewohner der Bikini-Inseln, ein sprechendes Schaf, Sigmund Freud, Michael Jackson, eine Nackerte, Louis Armstrong, Hänsel, ein Polizist auf einem Pappmotorad, Gretel und Bob.

Weswegen haben Sie das Genre gewechselt?

Ist die Arbeit fürs Theater lohnender als das einsame Schreiben eines Romans? Die Theaterarbeit ist weniger zufriedenstellend als das Schreiben von Prosa, weil der Text ungeheuren Umwälzungen ausgeliefert ist. Doch wie bei jeder Teamarbeit muss man der Mannschaft vertrauen, um das bestmögliche Ergebnis zu erzielen. Die Aufführung ist dann auch für den Autor ein Höhepunkt, den man so unmittelbar bei einem Buch nicht erfährt ­ es sei denn im kleineren Rahmen bei Lesungen.

Der Chamisso-Preis wird in München verliehen. Wie steht es um Ihr Verhältnis zu München?

Eigentlich wollte ich ja nach München ziehen, aber jetzt gehen alle meine Freunde nach Berlin. Also muss ich ihnen, rückgratlos wie immer, folgen.

Was sind Ihre nächsten literarischen Pläne?

Und: Gibt es eine Wiederbegegnung mit Aleksandar, dem jugendlichen Helden aus Ihrem ersten Roman? Aleksandar ist für immer aus meiner Sicht. Und für einen neuen Roman lasse ich mir noch ein wenig Zeit.

Das Gespräch führte Andreas Puff-Trojan

Lesung der Preisträger:

morgen, 20 Uhr, Literaturhaus, Tel.: 089 / 29 19 34 27.

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