Mit der Literatur die Wahrheit berühren - Roberto Saviano u.a. über sein Buch "Gomorrah",

München - Zweimal wurde der Ort für das Interview geändert. Die Vorsicht ist angebracht, denn seit Roberto Saviano in "Gomorrha" (Hanser; 21,50 Euro) Namen und Strukturen der Camorra, der neapolitanischen Mafia, genannt hat, ist sein Leben in Gefahr. Der 28-Jährige lebt heute gut bewacht an wechselnden Orten.

Mit der Veröffentlichung Ihres Buchs haben Sie Ihr bisheriges Leben gegen ein Leben unter Beobachtung getauscht. Waren Sie sich dessen vorher bewusst?

Nein, das habe ich so nicht erwartet. Das ist auch nicht geschehen, weil das Buch veröffentlicht wurde, sondern weil das Buch von so vielen Menschen gelesen wurde. Der Erfolg entstand durch eine Art "Stille Post", von einem Leser zum nächsten. Und diese große Verbreitung ist die wirkliche Gefahr für die Camorra.

Bücher können also Waffen sein?

Natürlich, vor allem, wenn sie etwas im Leser bewirken. Die Aufmerksamkeit hat die Camorra am meisten gestört. Ein Mafia-Boss bekommt lieber lebenslange Haft als diese Aufmerksamkeit.

Bei "Gomorrha" fällt Ihre Wut auf, aber auch Ihre Liebe zu Süditalien. Das Buch ist aus meiner Sicht auch ein Liebesakt, obwohl viele Politiker in meinem Land das anders gesehen haben. Sie haben es als Nestbeschmutzung empfunden.

Für mich ist Teil dieser Liebe, dass man die Realitäten verändern kann. Es ist schade, dass die Politiker das nicht so sehen.

In Ihren Schilderungen erinnert die Camorra an ein Unternehmen mit Arbeitszeiten und Renten.

So ist es. Das hat damit zu tun, dass die Mafia ein binäres System verwendet, sowohl legal als auch illegal. Man muss beachten, dass der Umsatz der drei kriminellen Organisationen in Italien ­ Mafia, Camorra und 'Ndrangheta ­ zweimal so groß ist wie der von Microsoft, also insgesamt 100 Milliarden Euro.

In Deutschland wurde man auf die Mafia zuletzt durch die Duisburger Morde der 'Ndrangheta aufmerksam. Hat man die Gefahr unterschätzt?

Ja. Der deutsche Staat und die deutsche Polizei haben dieses Phänomen lange nicht ernst genommen ­ obwohl sie informiert waren. Heute ist die Zusammenarbeit zwischen Italien und Deutschland eng, vor allem natürlich nach Duisburg. Man ist sich bewusst geworden, dass die Geldwäsche, die in Deutschland stattfindet, vielleicht genauso gefährlich ist wie die militärischen Aktionen. Mit der Geldwäsche kauft die Mafia im Grunde weite Teile des Landes ein. Warum nimmt sich der deutsche Staat dieses Problems nicht mit mehr Interesse und Sorgfalt an?

Muss ich mir beim Italiener Sorgen machen, die Mafia zu unterstützen?

Im Grunde genommen nicht. Wenn überhaupt, macht die Mafia damit nur sehr wenig Geld. Das meiste wird mit großen wirtschaftlichen Aktionen gemacht. Die Geheimdienste haben etwa gemeldet, dass bei Gazprom auch die 'Ndrangheta mitspielt, wie Putin, Schröder und andere.

Ihr Buch wird verfilmt.

Der Film ist inspiriert von Geschichten, die ich erzähle. Es ist aber keine Dokumentation. Nach dem Prinzip des Neorealismus von Roberto Rossellini wird mit den Leuten aus den Vierteln gearbeitet, nicht mit Schauspielern. Ich hoffe, dass er beim Festival in Cannes vorgestellt wird.

Die Mafia ist gerade in den USA auch ein Kino-Mythos. Berührt sich dieser mit der Realität?

Man hat immer gesagt, dass das Kino die Mafia kopiert, aber es ist umgekehrt: Die Mafia ahmt das Kino nach. Zum Beispiel hat sich der Camorra-Boss in meinem Dorf, Valter Schiavone, eine Villa bauen lassen nach dem Modell der Villa von Tony Montana, die er in "Scarface" gesehen hat.

Ist die Kino-Glorifizierung der Mafia gefährlich?

Natürlich, denn das Kino kreiert einen Mythos. Und die Mafiosi sind daran interessiert, dass ein Mythos um sie entsteht. Sie schreiben an ihren eigenen Legenden ­ und sie sind extrem medienbewusst. Der Film liefert ihnen eine Grammatik, eine Syntax, eine Sprache, mit der sie in die Öffentlichkeit treten können. Interessant wäre, im Kino dies durch eine ökonomische Perspektive zu ergänzen, indem man zeigt, wie die Mafia zu Geld kommt, wie sie wirtschaftlich organisiert ist. Damit könnte man der Glorifizierung entgegenwirken.

Ihr subjektiver Stil erinnert an den New-Journalism, den Autoren wie Jack Kerouac in den USA der 60er begründet haben.

Das war eine bewusste Entscheidung. Mit literarischen Mitteln wollte ich die Wahrheit berühren. Ich will die Quellen genau dokumentieren, aber ich wollte nicht etwas Fernes, Objektives schreiben, sondern in das Herz der Leser eindringen ­ nach dem Prinzip von Truman Capote. Es kommt darauf an, dass der Leser das Phänomen nicht als etwas Folkloristisches wahrnimmt, sondern, dass er sich wiedererkennt. Deshalb nenne ich kleine Details zur Kleidung oder Essgewohnheiten. Das macht die Wirkung aus: Kein Leser denkt so, dass ihn diese Geschichte nicht betrifft.

Das Gespräch führte Michael Schleicher

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