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Oskar Maria Graf, gemalt in diversen Stilrichtungen. Der Dichter machte sich mit seinem Spezl Karl Wähmann in den Zwanzigern einen kunsthistorischen Scherz.

Ausstellung im Münchner Literaturhaus:

Die selbst geschaffene Heimat

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Das Literaturhaus München würdigt mit „Oskar Maria Graf – Rebell, Weltbürger, Erzähler“ einen großen Bayern.

München - Sie ist auch da im Münchner Literaturhaus – die Lederhose. Raumgreifend schwebt dieses Kleidungsstück in der Ausstellung „Oskar Maria Graf – Rebell, Weltbürger, Erzähler“. Man muss sich ihren Besitzer nur hineinträumen. Das fällt nicht schwer, denn zahlreiche Fotografien und Filme vergegenwärtigen uns den gstandnen Mann aus Berg: vom jungen Hupfer in München bis zum alten Mann in New York.

Um das Graf-Klischee nicht überhandnehmen zu lassen, hat  das Gestalterduo Costanza Puglisi und Florian Wenz (unodue{münchen) die kurze Wix – ausgeliehen von der Enkelin – als nicht gleich sichtbaren Endpunkt des Rundgangs positioniert. Ins Zentrum der Schau setzt es vielmehr eine stilisierte Dorflinde, die aus einem Tanzboden wächst. Wenz und Puglisi möchten damit vor allem das kraftvolle Wesen sowohl von Graf als auch seiner Mutter symbolisieren. Deswegen zierten sie sogar die Abschlusswand der Halle mit den Fotos seiner Kraftspender in der Exil-Wohnung Hillside Avenue, Washington Heights. Zu ihnen gehört ein Bild der Mama genauso wie eines von Marx und Lincoln, eines von Ludwig II. und Tolstoi sowie Goethe und Thomas Mann. Aufnahmen erzählen von der Einrichtung dieser Schreibecke, die dadurch zu einem wichtigen Teil einer selbst geschaffenen Heimat wurde.

Sensibler Erzähler und hellsichtiger Analytiker der Nazis

Graf (1894-1967) war ein reflektierter Intellektueller und politisch, anders als Thomas Mann, hellwach. Also war ihm von Anfang an klar, dass er vor den Nazis fliehen musste – und natürlich hätte er nie seine geliebte Mirjam Sachs (Cousine von Nelly) im Stich gelassen. Genauso war ihm klar, dass er sich gedanklich mit dem Exil arrangieren musste, um nicht seelisch und künstlerisch zugrunde zu gehen. Da kommt die Lederhose wieder ins Spiel. Sie ist das Sinnbild für die Verbindung zum eigenen Herkommen, zu den eigenen Sprachen Bairisch und Deutsch sowie Sinnbild der eigenen Unangepasstheit. Die New Yorker haben die wohl lockerer ertragen als die Münchner Großkopferten von 1958. Dass dieser Graf bei einer  Lesung im Cuvilliéstheater partout solch Beinkleid tragen wollte, war damals für viele ein Skandal und für noch mehr eine gelungene Gaudi. Der Schriftsteller brachte damit gleichermaßen zum Ausdruck, dass er nicht viel von der deutschen Nachkriegsgesellschaft hielt, in der sich massenhaft Nazis tummeln durften.

Diesen analytisch gewieften Künstler wollten die Kuratorinnen Karolina Kühn und Laura Mokrohs anlässlich seines 50. Todestages (28. Juni) mit ihrer Präsentation würdigen. Deswegen konzentrieren sie sich auf die Exil-Zeit und beginnt 1933, dem Jahr der Machtergreifung. Graf, der großartige und Menschen sensibel nachspürende Erzähler, hatte die „Bewegung“ von Anfang an beobachtet. In Wien ’33  als politischer Autor unterwegs, setzte er im Zusammenhang mit der Bücherverbrennung provokant sein „Verbrennt mich!“ in die Zeitung. Die Nazis beschlagnahmten seine Münchner Wohnungseinrichtung, die ihn als kunstsinnigen Bildungsbürger ausweist. Übrigens: Nach dem Krieg musste er mühselig um eine Entschädigung kämpfen. All das belegen Originaldokumente, die das Literaturhaus von den Kooperationspartnern Monacensia und Bayerische Staatsbibliothek erhalten hat. Manches ist schier unglaublich: etwa Grafs frecher Brief an die „Hochnotpeinlichen Herren“ der Reichsstelle zur Förderung des deutschen Schrifttums und eine durchaus humorvolle Antwort von dort. Atemberaubend ist seine Widerlegung der „Fake News“ des Terrorregimes, das seine Morde im KZ Dachau verschleiern will.

Keine Lederhose ist so berühmt wie die von Oskar Maria Graf. Seine Enkelin lieh nun das Original aus.

Die Schau verfolgt mit Fotografien, Schriftstücken und Originalobjekten Oskar Maria Grafs Exil von Wien über Brünn – herzerwärmend die Aufnahme, auf der er, der gelernte Bäcker, ein Mohnzöpferl flicht – nach New York. Berichtet wird von seinem strategischen Vorgehen, bereits in Europa viele Verbindungen zu knüpfen, die ihm später halfen zu überleben, eben auch künstlerisch. Denn in den USA vollendete er sein berühmtestes Werk, „Das Leben meiner Mutter“. Mit Unterstützung von Thomas Mann erschien es 1940 erst einmal auf Englisch. „Heimat ist  Sprache“, postulierte der Baier. Sie transportierte er einfach in die USA. Die gaben ihm nach langer Überwachung durch das FBI (Kommunisten-Hysterie) 1958 die Staatsbürgerschaft und waren plötzlich kulant. Für den alten Rebellen wurde die Eidesformel pazifistisch geändert. Ob er dabei die Lederhose anhatte?

2. Juni bis 5. November,

Mo.-Mi., Fr. 11-19, Do.  21.30, Sa., So. 10-18 Uhr; Eintritt 6/ 4 Euro; Telefon 089/ 29 19 34 0; Katalog: 10 Euro.

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