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Die „Erfolg“-Hauptfiguren, entworfen von Dirk Schmidt, schweben: Von links Franz Flaucher, der an Gustav Ritter von Kahr erinnert, Autor Jacques Tüverlin und Grafologin Johanna Krain, die für ihren inhaftierten Freund Martin Krüger kämpft.

Literaturhaus

Lion Feuchtwangers hassgeliebte Heimat

München - „Das Land Bayern ist der eigentliche Held meines Romanes“, erklärte Lion Feuchtwanger (1884–1958) zu seinem „Erfolg. Drei Jahre Geschichte einer Provinz“, der sich mit der Phase zwischen 1921 und 1924 beschäftigt.

Der gebürtige Münchner war mit seiner Frau Marta 1923 nach Berlin gezogen und schrieb dort die unübertroffene, brillante Analyse seiner hassgeliebten Heimat. 1930 erschien der über 700 Seiten starke, spannende und süffig erzählte Historienroman. Feuchtwanger entwickelte eine imponierende geschichtliche Wahrhaftigkeit, die sich aus aufwändiger Tatsachenrecherche und gewitzten künstlerischen Eingriffen in die Realitäten ergab.

Diesem exzellenten Solitär in unserer Belletristik widmet nun das Münchner Literaturhaus die Ausstellung „Erfolg – Lion Feuchtwangers Bayern“. Damit werden im Gedenkjahr zum Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 die Folgen der Weltkatastrophe in unserer Heimat geschildert. Außerdem erweist man endlich dem Schriftsteller, der den Nazis mit knapper Not in die Vereinigten Staaten entkommen konnte, eine schöne Reverenz. Denn die Kuratoren Reinhard G. Wittmann, Chef des Literaturhauses, und Vera Bachmann haben zusammen mit dem Gestalterteam unodue{ münchen (Costanza Puglisi, Florian Wenz, Carola Cless, Christina Schüler) eine lebendige, informative, unterhaltsame und vielgestaltige Präsentation entwickelt – was ja bei Ausstellungen über Bücher enorm schwierig ist.

"Ist er nicht großartig in seiner Ich-Beschränktheit"

Die Institution am Salvatorplatz schließt mit der Schau historisch an die über Robert Musil im Krieg an. Und gibt obendrein einen Ausblick, denn Feuchtwangers „Erfolg“ bietet eine brennende Vision von der Nazi-Zeit – obwohl der Dichter am Ende der Zwanzigerjahre dachte, der „braune Spuk“ wäre vorbei – und eine frappierend aktuelle Phänomenologie der Bayern, egal ob Politiker oder Normalo: „Ist er nicht großartig in seiner Ich-Beschränktheit, dieser Bewohner der bayrischen Hochebene? Wie er seine Fehler als Stammeseigentümlichkeiten glorifiziert. (…) Prachtvoll, wie er sich wegen seiner primitiven Rauflust als den bayrischen Löwen feiert.“

Den Löwen findet der Besucher nicht in der Ausstellungshalle des Literaturhauses (Parterre), dafür einen (zu spanisch wirkenden) Stier. Als Metapher verwende Feuchtwanger diesen Kraftlackl immer wieder im Text, so Wittmann, und der stehe für das alte, ländliche Bayern. Der Gegenpart zum Viech sei das Automobil, das ebenfalls allüberall im „Erfolg“ vorkomme. In der Exposition ist es ein ganz entzückender BMW 3/ 15 PS/ DA 4. Übrigens hat Feuchtwanger hier schon an der Wirklichkeit gedreht. Bei ihm tuckern diese Wagen viel zu früh durch die Gegend; erst 1929 wurden sie gebaut. Und noch ein Übrigens: Ihr Ingenieur ist die fiktive Figur namens Kaspar Pröckl, der äußerst links ist und gern Balladen singt – also leicht als junger Bert Brecht entschlüsselt werden kann. Von Thoma bis Ludendorff, von Kronprinz Rupprecht bis Georg Heym, von Hitler bis Valentin, der Schriftsteller hat sie alle verarbeitet, verfremdet, aber oft auch pointiert porträtiert.

Personen-Reigen und Landkarte mit Schauplätzen

Deswegen sind Herzstücke der Schau der Personen-Reigen – Hauptfiguren als große Illustrationen-Gestalten, Nebenfiguren als Säulenstümpfe – und natürlich Bayern, genauer: „die Hochebene“. Die mächtige Panorama-Karte des Oberlands von Zeno Diemer breitet sie in aller Pracht vor unseren Augen aus, daneben Landkarte und ein München-Stadtplan, mit den Roman-Schauplätzen. Zur weiteren Orientierung durch das facettenreiche Buch dient ein mit Fotografien und Zeichnungen flott gestalteter Zeit-Pfeil. Er informiert einerseits über Ereignisse, andererseits darüber, wie der Autor sie erzählerisch anpasste.

So vorbereitet, entdeckt der Besucher die Kapitel Kunst, Justiz, Politik und Gesellschaft. Schließlich bringt Kunstbanausentum den Museumsmann Krüger ins Zuchthaus – was eigentlich eine hinterfotzige politische und gesellschaftliche Intrige ist. Die spielt sich ab zwischen Liebesgeschichten, Sport-Spaß in Garmisch und Inflations-Not in München. Daher illuminieren die Ausstellungsmacher die Atmosphäre mit: Geldnoten-Geriesel (am 9. November ’23 kostete ein Dollar 630 Milliarden Mark), Durchhalteplakaten (Besetzung des Ruhrgebiets), Fotos von Fememorden der Rechten, verfemten Kunstwerken, Sportvergnügungen, technischen Sensationen wie dem Walchenseekraftwerk, Filmen, und zwar von der Revolution 1918/19 über Kurt Eisners Beisetzung (mit einer unglaublichen Menschenmenge) bis hin zu Karl Valentins „Orchesterprobe“. Sogar eine bedrückend echte Gefängniszelle wurde aufgebaut.

Naturgemäß sind im Literaturhaus Bücher präsent. Zum Beispiel die Erlebnisse von Felix Fechenbach, Erich Mühsam oder Ernst Toller in Haft, die Feuchtwanger auswertete. Und „Erfolg“ selbst – einmal als Erstausgabe, zum anderen Mal im Audioführer, für den Jürgen Tonkel angenehm sachlich las.

Simone Dattenberger

Bis 15. Februar 2015, Mo.–Fr. 11–19, Wochenende 10-18 Uhr, 089/ 29 19 34 24; Begleitheft: 6 Euro

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