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Fritz Raddatz.

Im Alter von 83 Jahren

Literaturkritiker Fritz J. Raddatz gestorben

Hamburg - Er galt als einer der einflussreichsten Literaturkritiker Deutschlands: Jetzt ist der ehemalige Feuilletonchef der „Zeit“ Fritz J. Raddatz mit 83 Jahren gestorben.

Der Literaturkritiker Fritz J. Raddatz, einer der einflussreichsten Intellektuellen Deutschlands, ist tot. Der langjährige Feuilletonchef der Wochenzeitung „Die Zeit“ starb am Donnerstag im Alter von 83 Jahren, teilte der Rowohlt-Verlag in Hamburg mit. Raddatz, geboren 1931 in Berlin, galt als einer der streitbarsten und eloquentesten Literaturkritiker Deutschlands.

"Ich habe mich überlebt"

Im Herbst 2014 hatte er nach mehr als 60 Jahren seine journalistische Tätigkeit für beendet erklärt. „Ich habe mich überlebt“, schrieb der 83-Jährige in einem Beitrag für die Tageszeitung „Die Welt“. Am Freitag erscheint im Rowohlt Verlag sein Buch „Jahre mit Ledig“ über das Leben seines Ex-Chefs und legendären Verlegers Heinrich Maria Ledig-Rowohlt.

„Meine ästhetischen Kriterien sind veraltet, das Besteck des Diagnostikers rostet, meine Gierfreude am Schönen der Kunst ist zu Asche geworden, der gefiederte Pegasus, mit dem ich durch Bild und Text galoppierte, lahmt“, begründete er im vergangenen Jahr seinen Abschied von der „Zeitungsarbeit“ und schloss mit den Worten: „Time to say goodbye. Goodbye.“

Reaktionen: "Streitbarer Literaturkritiker und Intellektueller"

Für den Chefredakteur der Wochenzeitung „Die Zeit“, Giovanni di Lorenzo, bleibt Raddatz ein Maßstab. „Es gibt wenige Kollegen, die unser Blatt so geprägt haben wie er“, teilte der Chefredakteur mit. Mit ungeheurer Entdeckungslust habe er als einer der Ersten das Feuilleton geöffnet für große Stimmen von außen, aus Osteuropa ebenso wie aus den Vereinigten Staaten. Hamburgs Kultursenatorin Barbara Kisseler (parteilos) würdigte Raddatz als scharfzüngigen Autor und streitbaren Menschen. Literaturkritiker Hellmuth Karasek, dessen Verhältnis zu Raddatz angespannt war, sagte über seinen Kollegen: „Ich bin über seinen Tod sehr erschrocken, weil er eine wichtige Figur meiner Zeit im Kulturbetrieb war.“ Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels nannte Raddatz einen „streitbaren Literaturkritiker und Intellektuellen“

Raddatz wurde als Sohn eines UFA-Direktors in Berlin geboren. Er studierte unter anderem Germanistik, Geschichte und Theaterwissenschaften an der Humboldt-Universität in Ostberlin. 1954 promovierte er. Danach kreiste seine Arbeit immer um die Literatur: So war er unter anderem Cheflektor des DDR-Verlags „Volk und Welt“ in Berlin und von 1960-1969 stellvertretender Leiter des Rowohlt-Verlags in Reinbek bei Hamburg. So förderte er unter anderem Hubert Fichte, James Baldwin, Walter Kempowski, Rolf Hochhuth und Elfriede Jelinek.

Raddatz' Gesamtwerk umfasst über 20 Romane und Biographien

„Ich habe mich immer der Literatur und ihrer Verwebung mit der Gesellschaft gewidmet“, sagte Raddatz einmal. Anerkennung verschaffte er sich als Herausgeber von Sammelbänden und Werkausgaben des Schriftstellers Kurt Tucholsky. Mit der Romantrilogie „Kuhauge“ (1984), „Der Wolkentrinker“ (1987) und „Abtreibung“ (1991) hatte er internationalen Erfolg. Raddatz' Buchveröffentlichungen umfassen mehr als 20 Bände, Biografien, Porträts, Gespräche, Romane und Erzählungen. 2003 erschien seine heftige Kontroversen auslösende Autobiografie „Unruhestifter“, 2010 und 2014 folgten die „Tagebücher“.

Heftige Kritik schlug dem Querdenker 1979 entgegen: Als Feuilletonchef der „Zeit“ veröffentlichte Raddatz einen Artikel über die Verstrickung deutscher Dichter mit dem NS-Regime. Kritikerkollegen warfen ihm schlampige und fehlerhafte Argumentation vor. Schlimm wurde es für Raddatz 1985, als er einer Glosse aufsaß. In der „Zeit“ wiederholte er ein von einem anderen Autor erfundenes Goethe-Zitat zum Frankfurter Bahnhof in aller Ernsthaftigkeit. Peinlich: Zu Lebzeiten des Dichters gab es dort noch keinen Bahnhof. Kurz darauf gab Raddatz seinen Posten als Feuilletonchef nach rund neun Jahren ab.

In einem Interview mit der „Frankfurter Rundschau“ sagte Raddatz Ende Januar 2015: „Ich werde niemanden sagen, wann bei mir wirklich Schluss ist. Aber ich weiß es.“ Er sei ein Anhänger des begleiteten Suizids. „Ich finde das eine würdige Form, sein Leben zu beenden.“

dpa

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