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Mario Vargas Llosa war gerührt und begeistert, als er gestern in aller Frühe die Nobelpreisnachricht bekam. Foto: dpa

Literaturnobelpreis: „Messerscharfe Bilder“

Oslo - Der peruanische Autor Mario Vargas Llosa ist der Literaturnobelpreisträger des Jahres 2010. Damit geht nach 20 Jahren die weltweit wichtigste Ehrung für Schriftsteller wieder nach Südamerika.

„Er war schon um fünf Uhr aufgestanden, um sich auf eine Vorlesung vorzubereiten. Unseren Anruf bekam er um viertel vor sieben und war schon kräftig am Arbeiten.“ Peter Englund, Chef der Nobelpreis-Jury der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften, berichtete das von seinem Telefonat mit dem frisch gekürten Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa. Der 74-Jährige lehrt gerade an der Princeton-Universität (New Jersey). Der Dichter sei „sehr gerührt und begeistert“ gewesen, erzählte Englund weiter. Die Akademie strich bei Vargas Llosa vor allem die „messerscharfen Bilder“ heraus, die er zu Analyse von Machtstrukturen geschaffen habe. Zur Übergabe des Preises (10 Millionen Kronen/1,1 Millionen Euro) am 10. Dezember werde er nach Stockholm kommen. Zur Frankfurter Buchmesse reist er jedoch nicht an, obwohl das für seinen deutschen Verlag, Suhrkamp, eine Riesenfreude wäre. Der wurde total überrascht von der Nobel-Entscheidung: Mittags war im Berliner Verlagshaus niemand erreichbar; man war zu Tisch, die Übrigen auf der Buchmesse.

Eine Geschichte, die sich zum Skandal auswächst. Der 18-jährige Jurastudent Mario Varguitas hat sich in seine um 14 Jahre ältere Tante Julia verliebt, eine hübsche Bolivianerin: „Tante Julia und der Kunstschreiber“. Diesen Roman Vargas Llosas aus den 80ern zeichnet ein Gedankenreichtum und eine Gestaltungsvielfalt aus, die seinem europäischen Publikum seinerzeit überraschend und ungewöhnlich erschien. Dabei gehörte der 1936 im südperuanischen Arequia geborene Vargas Llosa schon seit langem zu den herausragenden Schriftstellern des südamerikanischen Kontinents. Allerdings hat es in seinem literarischen Schaffen eine fast zehn Jahre andauernde Pause gegeben. In dieser Zeit zwischen „Tod in den Anden“ und „Wer hat Palomino Molero umgebracht?“ schien er sich völlig von der Literatur zurückziehen zu wollen. Vargas Llosa betrat auf einmal als politischer Publizist die Bühne, als ein Romancier, der zum Politiker geworden war und sich - vergeblich - um das Amt des peruanischen Staatspräsidenten (1990) bewarb. Vargas Llosa erschien vielen seiner Landsleute als zu konservativ. Er vertrat einen radikalen Liberalismus, den er als die Grundlage für Demokratie, Freiheit und Gerechtigkeit ansieht.

„Romane zu schreiben“, notierte Varags Llosa, „ist ein Aufstand gegen die Wirklichkeit, gegen Gott, gegen die Schöpfung Gottes, die die Wirklichkeit ist.“ Auch heute noch besticht Vargas Llosa durch den Anspruch der Unbedingtheit. Seine großen Romanerfolge sind Klassiker des modernen realistischen Erzählens. In einem seiner letzten Werke, „Das Fest des Ziegenbocks“, hat er sich dann gleich einen der blutrünstigsten Caudillos vorgenommen: Rafael Leonidas Trujillo y Molina. Hier wird deutlich, dass der Dichter Vargas Llosa von vielen Träumen und Illusionen Abschied genommen hat. Der Zeitgenosse Mario Vargas Llosa sieht nach wie vor im Nationalismus eine der größten Bedrohungen der Gegenwart.

Wolf Scheller

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