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Sibylle Berg schildert die berührende, schwer erträgliche Geschichte des (oder der?) intersexuellen Toto.

Ein Loch voller Lebenslügen

München - Helle Gestalt in einem finsteren Land: Sibylle Berg erzählt in ihrem neuesten Roman "Vielen Dank für das Leben" die Geschichte des Hermaphrodits Toto. Lesen Sie hier die Kritik:

Es könnte doch sein, dass Toto der Normalfall ist, nicht all die anderen. Vielleicht sogar der „Prototyp“, der „perfekte Mensch“, wie Sibylle Berg fast am Schluss ihres Romans schreibt. Nur irgendwann lief im Universum etwas schief, und der Homo sapiens spaltete sich in Mann und Frau. Und wer das 64 Jahre währende Leben Totos verfolgt, dem fallen nicht mehr viele Gegenargumente gegen Bergs Behauptung ein: Ja, so wie Toto sollten eigentlich alle sein.

„Hermaphrodit“ heißen diese Menschen, „Zwitter“ wäre etwas abwertend, „intersexuell“ juristisch korrekt. 1966 wurde Toto als Kind eines Säufers und einer Mutter, die ihn bald weggab, in eine finstere DDR hineingeboren. In einem Land der sozialistischen Reglements durfte so etwas wie Toto nicht sein. Erst recht, weil dieser Mensch so anders auf die ostdeutsche Hölle reagiert, die Sibylle Berg mit Anklagelust in dunkelsten Farben ausmalt. Toto ist herzensgut, nie nachtragend, immer offen für anderes und andere, von grenzenloser Nächstenliebe beseelt. Auf den Albtraum seines Lebenslaufes reagiert Toto nicht mit Abscheu, sondern mit Neugier. Statt sich an Zukunftsplänen abzuarbeiten, lebt dieser Mensch im Jetzt. „Vielen Dank für das Leben“, der Romantitel, ist sein Credo.

Die Flucht in den Westen bringt für Toto kaum eine Wandlung. Auch dort nur Ablehnung, nur ein Loch voller Lebenslügen. Toto trifft auf Oppositionelle, die gegen das System stänkern, gleichzeitig aber brav in ihren Bausparer einzahlen. Toto lebt unter anderem zur Untermiete in einer Hamburger Sex-Bar, verdient ein paar Mark – und das sind fast die glücklichsten Momente – in der Altenpflege und endet schließlich, ein weiteres Mal entwurzelt, in Paris unter einer Brücke und im Kreise von Obdachlosen, noch immer verwundert über diesen Lebenslauf. Was er den Menschen schenkte, war nicht nur seine Hingabe, seine Freundlichkeit, sondern auch seine kostbare Stimme. Wenn Toto sang, mit hohem, im Doppelsinne unerhörtem Sopran, dann verzauberte diese Kunst. Ein Gesang aus einer anderen, einer besseren Welt.

Eine schwer erträgliche Geschichte bietet dieser Roman. Auch, weil Sibylle Berg nicht mitleidig eine Biografie nachzeichnet, sondern die Wut und den Frust über all diese Ost-West-Verlogenheiten herausschreibt. Verachtung springt einen aus diesen 400 Seiten Anklage-Erguss entgegen, Hohn, überhaupt der Wille, den Leser ständig durchschütteln zu wollen mit der unausgesprochenen, wie herausgebrüllten Frage: „Und du? Denkst du nicht genau wie alle anderen?“

Man muss das mögen, dieses Angewidertsein von der Selbsthypnose, mit denen sich die Menschen ihre Lage schönreden, dabei mit dem Finger auf andere zeigen und denen ein Sündenbock wie Toto gerade recht kommt. Und man fragt sich, ob Sibylle Berg die Gratwanderung zwischen gesellschaftskritischem Essay und Roman immer gelingt. Auch Totos Ende im Jahre 2030, in einer Zeit der Umweltzerstörung und einer weltpolitischen Lage, die Europa seine Vorrangstellung einbüßen ließ, dieser Blick in die Zukunft bleibt seltsam blass. Egal, mit ihrer Attacke auf die Verlogenheit der Wessis und Ossis und mit dem leuchtenden Gegenbeispiel Toto hat Sibylle Berg eines auf ihrer Seite: die Wahrheit.

Sibylle Berg:

„Vielen Dank für das Leben“. Hanser Verlag, München, 400 Seiten; 21,90 Euro.

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