Leeres Kino
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Zusperren, aufsperren, zusperren: Den Kinos droht dadurch laut Filmwirtschaft schwindende Akzeptanz und übermächtige digitale Konkurrenz.

Landtagsopposition veranstaltet Expertenanhörung

Lockdown: Bayerns Kulturszene befürchtet verheerende und langfristige Folgen

  • Markus Thiel
    vonMarkus Thiel
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Die Opposition im bayerischen Landtag holt sich Vertreter der freien Kulturszene zur Expertenanhörung. Diese beklagen sich über unzureichende Hilfen und fürchten verheerende Folgen des Lockdowns.

Nicht im kommenden Jahr, erst 2022 sei Besserung in Sicht. „Veranstaltungen vorher tragen nämlich nicht zur Refinanzierung bei“, sagt Joachim Schulz von der privaten Posthalle Würzburg. Die Pandemie, da sind sich alle Teilnehmer dieser Anhörung einig, erfordere also einen langen Atem. Und vielen, das wurde auch klar, dürfte auf dem Weg zum Licht die Luft ausgegangen sein.

Die Fraktionen von SPD, Grünen und FDP baten eine Reihe von Experten um ihre Einschätzung – in einer virtuellen Konferenz, die aus dem Landtag moderiert wurde. Ein beunruhigendes bis verheerendes Bild der Kulturszene wurde dabei gezeichnet. Und immer wurde deutlich: Zwischen politischen Ankündigungen für eine Unterstützung und der Umsetzung klafft ein fataler Spalt. Wie berichtet, kann etwa in Bayern noch immer kein Antrag auf Künstlerhilfe gestellt werden. Über 37 Millionen Euro werden bereitgehalten – und warten vergeblich auf Abruf.

„Alle Fördermodelle missachten die Realität verschiedener Einkommensmodelle“, kritisierte Jochen Schölch. Der Chef des Münchner Metropoltheaters erinnerte daran, dass ein und derselbe Künstler oft auf verschiedenen Wegen zu Geld komme, mal als Freischaffender, mal als vorübergehend Festangestellter. Schölch schlug vor, die Einkommensteuer der vergangenen drei Jahre bei der Förderung zugrunde zu legen. Außerdem: „Was soll man mit dreimal 1000 Euro pro Monat in einer Metropole wie München anfangen?“

„Das Publikum wird entwöhnt“

Man habe viel zu lange gehofft, dass die Politik ihre Versprechungen wahr macht, sagte Sigrid Diewald vom Landesverband Kultur- und Kreativwirtschaft. Selbstkritisch meinte sie, vielleicht hätte man sich früher mit juristischen Schritten wehren sollen – gerade gegen die Schließung von Theatern, Kinos und Konzertsälen.

Was bei der Anhörung noch deutlich wurde: Alle Kulturanbieter bangen um ihr Publikum auch nach der heißen Phase der Pandemie. Eine „gewisse Lethargie“ hat etwa Patrick Oginski, Geschäftsführer von Südpolentertainment, während der kurzen Öffnungsphase in Sommer und Herbst festgestellt. Das Publikum werde „zusehends entwöhnt“. Er forderte Modelle, die über den Pilotversuch an Bayerischer Staatsoper oder Gasteig mit vorübergehend 500 Besuchern hinausreiche. Im Frühjahr 2021 müsse man auf jeden Fall 20 bis 30 Prozent der Kartenkontingente verkaufen können.

Die Kino-Branche hat mit einem weiteren Problem zu kämpfen: mit der zunehmenden Digitalisierung und der Praxis der großen Filmanbieter, immer mehr Werke zum Beispiel über Netflix auszustrahlen. „Die Akzeptanz der Kinos schwindet“, warnte Thomas Negele, Präsident der Spitzenorganisation der Filmwirtschaft. „Wir können nicht ständig aufsperren und wieder zusperren, sonst sind die Kinos irgendwann weg vom Markt.“

Veranstaltungen und Tickets könnten teurer werden

Die Auswirkungen der Pandemie sind, das ergab diese Anhörung, gefährlicher und langfristiger als gedacht. Joachim Schulz von der Posthalle Würzburg berichtete, dass immer mehr Fachpersonal abwandere und sich neue, sichere Betätigungsfelder suche. Er prognostizierte, dass sich auch angesichts der Finanzkürzungen seitens der öffentlichen Hand Veranstaltungen und damit Tickets verteuern dürften. In Kombination mit den neuen digitalen Angeboten drohe Einschneidendes: „Wir verlieren da eine ganze Generation an potenziellen Besuchern.“

Die Veranstalter Sanne Kurz (Grüne), Wolfram Halbleib (SPD) und Wolfgang Heubisch (FDP) zeigten sich beeindruckt bis betroffen und versprachen, die Anregungen aufzunehmen. Vielleicht, so Heubisch, sei bald eine offizielle Anhörung in einer gemeinsamen Sitzung des Kunst- und Wirtschaftsausschusses möglich. Die Regierungsfraktionen hatten dies bislang nicht ermöglicht, weshalb die Opposition eine eigene Anhörung startete. „Vor allem müssen wir aber jetzt was tun“, sagte Halbleib – „und nicht einfach in die Weihnachtspause gehen“.

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