Lockende Schönheit

München - Das Völkerkundemuseum setzt mit "Weiter als der Horizont" weniger auf Ethnologie denn auf Ästhetik.

Hier wird ein Tabu gebrochen: Nachdem man über Jahrzehnte hinweg in der Völkerkunde jeden verteufelt hat, der sich nicht um den Kontext außereuropäischer Kunst gekümmert hat, darf man sich nun wieder ganz unbedarft an der Pracht eines Objektes an sich freuen. An magisch schillerndem Federschmuck, an golden funkelnden Buddhas, an geheimnisvollen Masken und geometrischen Tierbrettern. Und so gelingt es dem Staatlichen Museum für Völkerkunde in München mit der ästhetisch ausgerichteten neuen Dauerausstellung "Weiter als der Horizont", das Interesse an den Urhebern dieser Schönheit zu schüren.

Ähnliches geschah schon im Umkreis des Blauen Reiters vor hundert Jahren: Kandinsky und Co. entdeckten die "Primitiven". Während die Stücke, die sie damals begeisterten, im Herzen der Schau nur bis Februar zu sehen sind, bleibt der Rest jahrelang erhalten: als Ergänzung, Einstieg und Highlight zugleich. Alle Kontinente triumphieren mit wertvollen Arrangements, die auch versuchen, den Künstler ins Rampenlicht zu rücken.

Das reicht in der Afrika-Abteilung sogar so weit, dass man primär auf die erhabenen Profile der Kraftfiguren aus dem Kongo verweist, deren eigentlicher Wert allerdings in den eingearbeiteten Materialien liegt, die die Stärke von Ahnen und Geistern vermitteln. Und es schließt auch Arbeiten von Kofi Setordji aus Ghana mit ein, der 1994 drei weise Köpfe schuf, die unter ihren Messinghelmen keine schädlichen Einflüsse mehr hören, sehen oder riechen.

Lateinamerika trumpft zunächst mit archäologischen Funden aus dem Alten Peru auf: Die sehr fein bemalten Grabbeigaben zeigen nicht nur frühe Perfektion, sondern erzählen auch von einem Weltbild, das sich aus Gegensätzen aufbaute. Ähnlich widersprüchlich ist das rotgelbe Federgewand aus Amazonien (um 1820). Mit ihm feierte man die erfolgreiche Jagd auf Feinde, die gleich daneben mit ausgeschmückten Schädeln präsentiert werden. Dem frühen Sammlungstrieb der Europäer ist der Erhalt solch vergänglicher Schönheit zu verdanken. Auch die geometrischen Bastgewänder und Masken aus Kolumbien, die beim Tanz zur Frau-Werdung benutzt wurden, sollten eigentlich verbrannt werden. Ornament pur dann in der Südsee: Ob Kampfschilde oder Tanzpaddel, die Verbindung der sanften und kantigen Linien und Flächen wirkt gerade heute in der Tribal Mode mit ihren Ethno-Mustern stark nach. Am eindrucksvollsten sind die ebenso schönen wie gruseligen Schädelschreine aus Neuguinea, die Kraft und Erfolg in Männerhäusern demonstrierten. Der Künstler in der Südsee schreibt sich sein Talent aber nicht selbst auf die Fahnen, sondern ein mythisches Wesen verhilft ihm zur Kreativität. Träume und Formen im Wasser sind Vermittler.

Schaut man den dramatischen Zeremonien mit Angriffen der klappernden Riesen-Vogelschnäbel an der Nordwestküste Amerika zu, dann hat man es genauso mit Wunderkräften zu tun. Die bunten Holzwerke faszinieren ebenso wie der kleine, schwarz-weiß abstrahierte Dorfschreier aus Ton, den die Pueblo-Indianer im Südwesten an Touristen um 1930 verkauften. Man merkt: Vielfalt bestimmt das Bild, und zu der Kunst Nordamerikas gehören ja auch noch die faltbaren Wasserkochtöpfe aus dicht geflochtenem Gras oder die schnittigen Kajak-Sonnenhüte aus Alaska...

Die Auswahl in Südasien fiel nicht leichter. Hier entschloss man sich zur Darstellung des Buddha-Bildes, angefangen bei dem noch locker lächelnden Torso (Indien, 2. Jh.) und endend bei den strengen, meditativen Köpfen 400 Jahre später. Dass die Künstler aus den niedrigsten Kasten stammten und sich alleine die Auftraggeber Ruhm und ein besseres Karma verschafften, ist kaum vorstellbar. Auch in Ostasien hielt man sich an die strikten Grundformen des buddhistischen Bildnisses. Künstlerische Freiheit erlaubte man sich dann beispielsweise bei einem wuchernden Silberbaum samt tobenden Affen. Die Äste breiten sich über der Geburt Buddhas aus. Vor einer der nepalesischen Figuren hat sich sogar der Dalai Lama staunend verbeugt. Nur die historischen Figuren waren in China bis zum Sturz des Kaiserhauses 1912 sammelnswert. Ansonsten galt hier die Skulptur nicht viel, obwohl Metallarbeiten eine große Tradition hatten, wie ein wertvolles Reiswein-Gefäß (11. Jh. v. Chr.) beweist.

Dessen edle Schlichtheit ist die Überleitung zum letzten Kapitel: Die islamische Kunst setzt auf Feinheit der Linie, Harmonie, Balance, auf qualitätsvolles Ornament. Provokant mischen sich hier neben farbenfrohen Miniaturen und Fliesen ein schlichter Gebetsteppich aus indischer Gefängnisproduktion oder ein beschrifteter Kürbis aus dem Jemen der 70er-Jahre.

Informationen:

Katalog: 29,80 Euro, Tel. 089 / 21 01 36 100.

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