Der Lockstoff ist ausgelegt

- Wenn Ausstellungen nur auf Zeit zu sehen sind, strömt das Publikum; dauerhafte Museen haben's da schwerer, weil sie zum städtischen "Inventar" gehören. Deswegen wird Münchens Alte Pinakothek nicht gestürmt wie etwa das MoMA-Gastspiel in Berlin. Jetzt aber hat man in dem Klenze-Bau einen Lockstoff ausgelegt: Nur kurz zu erleben sind Werke des flämischen Barocks - Rubens, van Dyck, Jordaens und andere; im September gehen sie nach Neuburg an der Donau. Dort eröffnen im Schloss die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen dann im Frühjahr 2005, zum 500-jährigen Bestehen des Herzogtums Pfalz-Neuburg, ihr 15. Zweigmuseum.

<P>Es ist ideal nicht nur als wunderbares Gebäude, sondern weil Wolfgang Wilhelm von Pfalz-Neuburg und sein Enkel Johann Wilhelm Flamen-narrisch waren. Das passte genau zu Max Emanuels Sammelwut, sodass Bayern, genauer: die Alte Pinakothek, die größte Sammlung dieser Schule besitzt. 170 Gemälde davon zeigt man in München. Das Herzstück sind die Arbeiten von Peter Paul Rubens, um dessen "Großes Jüngstes Gericht" Klenze den ersten, einer Sammlung angepassten Museumsbau der Welt konzipierte. Es wurde einst beim Künstler-Superstar Rubens für den Hauptaltar der Neustädter Hofkirche bestellt. Eine schwungvoll komponierte "Anbetung der Hirten" und eine gediegene, nicht zu dramatische "Ausgießung des Heiligen Geistes" für die Seitenaltäre.<BR><BR>Entwarnung beim gigantischen "Jüngsten Gericht", es bleibt in der Alten Pinakothek. Die anderen Werke gehen zusammen mit rund 120 Bildern aus dem Depot nach Neuburg an der Donau. Etwa ein Drittel dieses Konvoluts, das seit Jahrzehnten nicht mehr ausgestellt werden konnte, lässt sich jetzt noch in München genießen. Darunter zum Beispiel Gemeinschaftsarbeiten von Jan Brueghel d. Ä. und Hendrik van Balen, "die im Metropolitan Museum einen Ehrenplatz hätten", meint Barock-Experte Konrad Renger. Und auch Generaldirektor Reinhold Baumstark betont, man wolle nur erstklassige Exponate ans Zweigmuseum geben. Im Übrigen sei diese Form der Dezentralisierung, schon im 19. Jahrhundert von den Franzosen abgeschaut, "ein bayerisches Erfolgsrezept".<BR><BR>Nicht allein Rubens fasziniert bei den "Neustädter" Gemälden, die alle restauriert wurden. Es gibt viele höchst reizvolle Stücke. Etwa Jacob Jordaens "Heilige Familie", eine raffinierte, humorvolle Mischung aus Eleganz und Bäuerlichkeit: Marias roter, schwelgerischer Faltenwurf kontrastiert mit dem dicken, nackten Babybauch Jesu, dem verwitterten Landfrauengesicht Elisabeths und der zerknautschten Gelangweilt-Mimik Josefs. Malerisch genialisch sind Anthonis van Dycks fünf Studienköpfe von älteren Männern. Die Ausdrucksstärke der gesenkten oder erhobenen Augen, des in die Hand gestützten Kopfs, der wulstig angespannten Hals-Sehnen ist frappierend. Genauso wie eine aufregende Entdeckung: Gé´rard Douffets geheimnisvolles Gemälde "Papst Nicolaus V. besucht das Grab des Hl. Franz von Assisi". Über der schaurigen Gruft-Szene steigen wie Traumsequenzen bewegende Episoden von Qual und Hilfe auf.</P><P>Bis 5. September, Tel. 089/ 23 80 52 16. <BR></P>

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