Vom Löwenzahn zum Kunstminister

- Thomas Goppel (56), vormals Generalsekretär der CSU, ist seit der Landtagswahl Nachfolger von Hans Zehetmair im Amt des Ministers für Wissenschaft, Forschung und Kunst. Auf den Erfolgen des Vorgängers kann sich der Neue aber ganz und gar nicht ausruhen. Nachdem Goppels Chef, Ministerpräsident Edmund Stoiber, nach der Wahl einen rigiden Sparkurs fährt, sind vor allem Schwierigkeiten zu bewältigen, Gemüter zu beruhigen.

<P>Sie sind jetzt Herr über Bayerns Hochschulen und über die Staatstheater, Orchester und Museen. Beruhigt es Sie, dass die Künstler in ihrem Protest nicht so temperamentvoll oder mutig sind wie die Studenten?<BR></P><P>Goppel: Nein, weil es problematisch ist, wenn jemand den Frust nur mit sich selbst ausmacht und nicht 'rauslässt. Mit dem kann ich mich nicht beraten - und ich wünsche mir einen ganz nahen Kontakt.<BR><BR>Was war Ihr erster Theaterbesuch, was hat nachhaltigsten Eindruck hinterlassen?<BR><BR>Goppel: Mein erstes Theatererlebnis war auch mein erster Auftritt. Im Aschaffenburger Kindergarten war ich der Löwenzahn, später der Hl. Josef - Gott sei Dank nie Ochs oder Esel. In München dann war für mich Kurt Meisels Residenztheater ein Glückstreffer wegen der Spielplanbreite. "Beckett oder Die Ehre Gottes" vergesse ich nie! "Alpenkönig und Menschenfeind" konnte ich auswendig.<BR><BR>Sie hegen eine große Neigung zur Kultur, waren in diesem Ministerium schon einmal Staatssekretär. Woher haben Sie Ihre kulturelle Bildung erfahren?<BR><BR>Goppel: Von Vater und Mutter. Der Ausgangspunkt ist das Elternhaus: Beide schwärmten begeistert, wenn sie vom Theater kamen. <BR><BR>Ist diese Spielplanbreite bei der derzeitigen Spar- und Streichlage noch garantiert?<BR><BR>Goppel: Es besteht keine Gefahr, dass die Theater den Minister zum Mitspielen engagieren müssen. Ich werde alles tun, damit die Vielfalt nicht verschwindet. Erstens: Es soll möglichst viele Bühnen geben. Zweitens: Wie viel auf einer Bühne gespielt wird, ist eine andere Frage. Aber ich engagiere mich sehr dafür, dass Städte und Kommunen ihre Theater (der Staat gibt Zuschüsse, Anm. d. Red.) nicht aufgeben müssen.<BR><BR>Welche Gestaltungsmöglichkeit haben Sie? Oder sind Sie dazu verdammt, sich weniger als Ermöglicher zu profilieren und zwangsläufig mehr den Verhinderer zu spielen?<BR><BR>Goppel: Der Minister kann viel weniger bewegen, als die Allgemeinheit annimmt, und viel mehr, als man im ersten Moment empfindet. Die wirkliche Kraft, die im einzelnen Menschen steckt, kann man nicht verhindern. Es liegt am Betroffenen, was er reduziert.<BR><BR>Wie steht's mit dem Freiraum der Kunst ganz allgemein?<BR><BR>Goppel: Liberalität bedeutet, das einem selbst Fremde zu ertragen. Das macht auch die Liberalitas Bavariae aus. Ich würde nie etwas verbieten - aber gleichzeitig muss eine Diskussion her, bei der die Fetzen fliegen.<BR><BR>Sie müssen den Haushalt um fünf Prozent kürzen.<BR><BR>Goppel: Ich halte nicht viel vom Rasenmäher. Die Menschen sind das Wichtigste, in dem Bereich will ich möglichst wenig sparen. Bauvorhaben kann man verschieben.<BR><BR>Bei den staatlichen Museen wird es mehr Schließtage, weniger Ausstellungen geben. Der Imageschaden für Bayern ist groß. Wie werden Sie gegensteuern?<BR><BR>Goppel: Ich möchte die Furcht nicht in den Vordergrund stellen. Nun läuft es eine Zeit lang anders: Vielleicht können wir uns den eintrittsfreien Sonntag nicht mehr leisten, aber besser so als mehrere Schließtage. Und die Sonntage könnten zum Beispiel als Event-Tage aufgewertet werden.<BR><BR>Werden die Neubauten wie Museum Brandhorst, Graphische Sammlung oder das Areal der Hochschule für Fernsehen und Film sowie des Museums Ägyptischer Kunst überhaupt noch gebaut?<BR><BR>Goppel: Bis jetzt habe ich sie aus der Planung zur Reduktion herausgehalten. Bei dem, was mir im Augenblick zugemutet wird, sind sie nicht in Gefahr. Die Vorhaben wurden angegangen, es gibt keinen Grund, das zu diskutieren.<BR><BR>Wegen des NS-Dokumentationszentrums für München liegen die Stadt und Ihre Kollegin Monika Hohlmeier in Streit. Können Sie da vermitteln?<BR><BR>Goppel: Ich bin von Natur aus zum Moderator angelegt. Wenn's geht, vermittle ich, aber die Stadt München kann mir nicht zumuten, eine gute Planung für das Museum Ägyptischer Kunst und die HFF hinauszuzögern, weil noch das Zentrum eingefügt werden soll. Vorher würde ich die Bevölkerung mobilisieren. <BR><BR>Stimmt es, dass die drei Staatstheater in München sowie die Theaterakademie zusammen im kommenden Kalenderjahr fünf Millionen einbringen müssen?<BR><BR>Goppel: Wahrscheinlich knapp fünf Millionen Euro. Ich kann nicht zusehen, wie in Bayreuth, Augsburg oder Nürnberg gekürzt wird und in München nicht. Ich kann auch nicht nur die Museen belasten. Für die Verantwortlichen wird es sehr schwer. Ich hoffe auf ihre Fantasie.<BR><BR>Erhalten die Institute Planungssicherheit, indem Sie Ihnen garantieren können, dass zukünftige Tariferhöhungen nicht auch noch vom Theater selbst erbracht werden müssen?<BR><BR>Goppel: Ich setze auf die Fähigkeiten meiner Kollegen - Innenminister, Ministerpräsidenten -, dass wir aus der Tarifordnung aussteigen. Die Strukturen müssen in Bewegung geraten. Wir reden über 2004, nicht über die Zukunft. 2004 bestimmt meine Pläne gar nicht mehr. Ich hoffe, dass wir 2005 mehr in der Staatskasse haben, weniger Arbeitslose, weniger Defizite in den Sozialkassen ausgleichen müssen. Wenn das gelingt, sind die Theater wieder obenauf. Diese Perspektive muss jeder mitnehmen.<BR><BR>Ist das künstlerische Niveau denn noch zu halten?<BR><BR>Goppel: Kleine Durststrecken tragen dazu bei, sich selbst bei den Ideen zu packen. Wenn ich jetzt sage: Ich kann nicht, dann sehe ich die wirtschaftliche Gesamtlage nicht. Aber ich will alles dazu tun, dass diese Lage besser wird.<BR><BR>Der Vertrag von Staatsballettchef Ivan Liska endet Sommer 2006. Bei Staatsschauspiel-Intendant Dieter Dorn stehen Verhandlungen zu einer Vertragsverlängerung an.<BR><BR>Goppel: Das wird keine leichte Aufgabe. Bei Dorn will natürlich jeder in München, dass er verlängert.<BR><BR>Was möchten Sie als Minister erreichen?<BR><BR>Goppel: Aus den unglaublichen Ressourcen, etwa den neuen Museen, etwas zu machen, sie zu beleben. Es wird nun einen Wettbewerb der besten Köpfe geben - und später wird gerade dorthin das meiste Geld fließen. Hans Zehetmair, mein Vorgänger, hat eine kluge Besetzungspolitik betrieben. Wenn die Damen und Herren Chefs dem Minister auf ungewöhnlichen Wegen folgen, dann wird die Kultur in den nächsten Jahren nicht verarmen.</P><P>Das Gespräch führten Simone Dattenberger  und Sabine Dultz<BR><BR></P>

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