Logbuch der Beat-Generation: Urfassung von „On the Road“

München - Als literarische Legende, obendrein noch tot seit 1969, hat man es schwer: Denn mitreden konnte Jack Kerouac nicht mehr, als es darum ging, dass die Urfassung seines Romans „On the Road" („Unterwegs") nun erstmals erscheinen sollte.

Im April 1951 hatte er das Buch innerhalb von drei Wochen an seiner Schreibmaschine runtergehackt - mit Kaffee als einziger Droge und nicht Benzedrin, wie es die Legende will. Unmittelbar danach hat der Autor sich an die Überarbeitung seines Werks gemacht, das später zum Manifest der Beat-Generation werden sollte. Und obwohl man heute nicht bei allen Änderungen endgültig sagen kann, welche auf Kerouac zurückgehen und zu welchen ihn sein Verlag gedrängt hat („On the Road“ erschien in den USA erst 1957), darf man getrost davon ausgehen, dass er die Urfassung nicht veröffentlicht sehen wollte. Jetzt liegt sie dennoch vor. Und manchmal ist es gut, dass eine tote literarische Legende nicht mitreden kann.

Was das Action Painting eines Jackson Pollock für die Malerei war oder der treibende Jazz eines John Coltrane für die Musik, das war Jack Kerouac für die US-amerikanische Literatur jenseits der Massenunterhaltung: Instinkt und Unmittelbarkeit zählten hier stets mehr denn Ausbildung und Kunstfertigkeit. Kerouac sollte zum Ausgangs- und Bezugspunkt zahlreicher Autoren und Publizisten werden, die subjektive Erfahrungen ins Zentrum ihrer Arbeiten - literarisch oder journalistisch - stellten. Wer ahnt, welch hohen Wert die Unmittelbarkeit und das Ungefilterte für jene Schreiber hatte, versteht die Entstehung dieses Romans: Zwar hatte Kerouac viel Zeit mit Vorarbeiten verbracht, das Buch dann aber dennoch am Stück geschrieben - ohne einen Absatz zu machen. Getippt hat er auf Papier, das er zu einer am Ende 37 Meter langen Rolle zusammengeklebt hatte - um keine Zeit beim Seiten-Wechseln zu verlieren. Übrigens: Diese Rolle ist erhalten und hat vor neun Jahren für 2,43 Millionen US-Dollar den Besitzer gewechselt.

Der Roman auf einer langen Papierrolle - das hatte für Kerouac auch symbolische Bedeutung. Sein Buch selbst sollte zu einer jener Straßen werden, auf denen er Ende der Vierzigerjahre über den nordamerikanischen Kontinent und bis nach Mexiko reiste. Per Anhalter, in geliehenen oder gestohlenen Autos, in Bussen oder zu Fuß war der Schriftsteller immer wieder unterwegs, oft in Begleitung von Neal Cassady, der einige Beat-Autoren inspirierte. „Die einzigen Menschen, die mich interessieren, sind Verrückte, die verrückt leben, verrückt reden und alles auf einmal wollen, die nie gähnen oder Phrasen dreschen, sondern wie römische Lichter die ganze Nacht lang brennen, brennen, brennen“, schreibt Kerouac. Menschen, die angetrieben sind von den rasanten Rhythmen des Jazz, von Drogen und Alkohol. Menschen wie Allen Ginsberg oder William S. Burroughs, die wie er selbst heute längst zum Kanon der US-amerikanischen Literatur zählen. In der gerade erschienenen Urfassung werden alle Beteiligten bei ihren richtigen Namen genannt - und sind nicht, wie in den bislang publizierten Fassungen, hinter Pseudonymen versteckt. Auch das macht diese Neuerscheinung besonders.

Die Urfassung ist in vielen Aspekten direkter, roher und expliziter als alles, was später aus „On the Road“ gemacht wurde. Jetzt entfaltet der Roman seine ganze, oft auch unwirtliche Schönheit. Der Sog, den Kerouac gespürt haben muss, ist unmittelbarer zu erahnen. Das Reisen, das Unterwegssein war für jenen jungen Mann beides - Flucht vor der Gegenwart und Hoffnung auf eine bessere Zukunft. „Wir alle waren begeistert. Wir alle merkten, dass wir Verwirrung und Unsinn hinter uns ließen und unsere damals einzige und noble Funktion erfüllten: Bewegung“, schreibt Kerouac an einer Stelle, um an anderer prophetisch in die Zukunft zu blicken: „Am Ende der amerikanischen Straße lieben sich ein Mann und eine Frau in einem Hotelzimmer.“ So feiert auch „On the Road“ letztlich ein mythisch-verklärtes Amerika als Ort der Sehnsucht.

Eine Sehnsucht, die sich für Jack Kerouac nie wirklich erfüllen sollte: Er starb mit nur 47 Jahren an inneren Blutungen. Wahrscheinlich eine Folge seiner langen Sauferei.

Michael Schleicher

Jack Kerouac: „On the Road“. Aus dem amerikanischen Englisch von Ulrich Blumenbach und Michael Kellner. Rowohlt Verlag, 576 Seiten; 24,95 Euro.

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