Die Logik einer Diktatur

- Eine "Detektivgeschichte". Aber weder Täter noch Opfer werden gesucht. Beide sind recht früh in diesem schmalen Buch bekannt: Täter ist eine südamerikanische Diktatur, verkörpert in den Schergen der Geheimpolizei, dem "Corps". Opfer sind Männer aus dem Widerstand, darunter Enrique Salinas, Sohn eines reichen Kaufmanns. Gesucht werden: die unberechenbaren Gesetze, die das Räderwerk eines verbrecherischen Regimes in Gang halten. Und der Detektiv? Das ist eigentlich der Leser, der die in dieser Erzählung gesammelten Indizien zum vollständigen Bild einer prototypischen Diktatur zusammenfügen muss. Was den besonderen Reiz dieses Buches ausmacht.

<P>Der ungarische Literaturnobelpreisträger Imre Kertész hat 1976 diese Erzählung, die jetzt erstmals auf Deutsch vorliegt, "aus dem Ärmel geschüttelt", was ihm angeblich gar nicht lag. Im Vorwort berichtet er, wie all seine Literatur davor aus einer existenziellen Not heraus entstanden war. Die einzige Not im Fall der "Detektivgeschichte" jedoch bestand darin, dass der staatliche Buchverlag, bei dem 1977 Kertész' Roman "Der Spurensucher" erscheinen sollte, mehr Manuskriptseiten verlangte. Also fügte Kertész seinem Roman dieses Gleichnis auf eine kommunistische Diktatur hinzu, die er zum Schutz vor den Zensoren nach Südamerika verlegte. <BR><BR>Die Macht der Menschenverachtung</P><P>Antonio Rojaz Martens, der Erzähler, war selbst Mitglied des Corps und sitzt nach dem Sturz dieser Diktatur im Gefängnis. Mit der Aufzeichnung seiner Erinnerungen versucht er, rückblickend "die Logik" zu verstehen. Mit diesem Schlüsselwort meint der nicht sonderlich helle Kopf das Verhängnis, das Schicksal. Als solches begreift Martens nämlich aus seiner eingeschränkten Perspektive heraus die Machenschaften des Regimes, und so sind Teil dieses "Schicksals" in seinen Augen auch die Raffinesse und Verschlagenheit der Folterer. Geschickt, wie Kertész das Verantwortungsgefühl des Erzählers für die eigenen Taten schmälert, indem er dessen selbst gewählte Blindheit und Ohnmacht skizziert. Und noch geschickter, wie in den Schilderungen des Täters auch die des Opfers zur Sprache kommen: Martens ist nämlich im Besitz eines Tagebuchs des später gefolterten Enrique Salinas. Es beschreibt die Umstände und Beweggründe des jungen Kaufmannssohns, sich zum Widerstand zu entschließen. Ein Grund war auch ein gewisser Müßiggang.<BR><BR>Die wenig optimistische Botschaft dieses Buchs: Den einen wie den anderen, Opfer wie Täter, haben Nachlässigkeit und der Mangel an Überzeugungen auf die jeweilige Seite gespült. Bruchstückhaft, verschachtelt, mit vielen Andeutungen und genauso vielen Leerstellen erzählt Kertész das. Aufzufüllen sind sie nach Belieben mit historischem Wissen über Diktaturen aller Art. Und so erzählt Kertész mit diesem Modell mehr von der Macht der Menschenverachtung als mit jedem konkreten Fall. <BR></P><P>Imre Kertész: "Detektivgeschichte". Aus dem Ungarischen von Angelika und Peter Maté´. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 138 Seiten; 12,90 Euro.</P><P><BR> </P>

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