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Schorsch Hampel: „In der bairischen Sprache ist meine Heimat.“

Ein lokaler Kosmopolit

Schorsch Hampel: Bluesmusik aus München

München - Ein lokaler Kosmopolit: Der Münchner Bluesmusiker Schorsch Hampel brachte sein erstes Soloalbum "Sog gescheid" heraus. Ein Portrait.

Die Isar führt heute viel Wasser. Sehr viel. Sie erinnert in dieser Breite und braunen Farbe fast an den Mississippi – Heimat des Blues. Schorsch Hampel ist Münchner Bluesmusiker, wohnt direkt am Fluss in der Au und geht nachts dort gern spazieren, „wenn die jungen Leute weg sind“. Den Mississippi spürt er dabei aber nicht. Auch kein Heimatgefühl: „Ich habe keine weiß-blauen Träume, bin eher ein lokaler Kosmopolit“, sagt der Charakterkopf mit grauem, wehendem Haar, Bart, dunklem Sakko und Jeans. „In der bairischen Sprache jedoch ist meine Heimat.“ Das hört man nicht nur beim Cappuccino im Eckcafé an der Isar. Sondern vor allem auf seinem neuen Album „Sog gescheid“. Im Grunde sein erstes Soloalbum. Auf jeden Fall seine erste bairische Songwriter-Platte. Mit 62!?

Zunächst rockte er auf Deutsch („Gantenbein“) oder blueste auf Englisch. Dann, 2001, ein Herzinfarkt. Zeit für Hampel zum Nach-, Umdenken. Keine Kompromisse mehr, sagte er zu sich, nahm sich Kölsch-Rocker Wolfgang Niedecken zum Vorbild und schrieb, wie ihm der Schnabel gewachsen war. Auf Bairisch. Für seine Band „Schorsch & de Bagasch“. 2013, nach einer Reise entlang des Mississippi, der nächste Schritt. Hampel löst die Band auf, ist seither solo unterwegs. Nun also das Album. Darauf 16 Songs. Persönliche wie „A Freind von mia“: „Er schlug mir mal vor, eine Lebensballade wie unser beider Held Bob Dylan zu schreiben. Nach seinem Tod wusste ich endlich, über wen.“ Hochaktuelle Lieder wie „Talisman“ über die Flüchtlingskatastrophe sind zu hören. Hampel: „Den Refrain habe ich schon vor fünf Jahren skizziert. Da hatte ich noch gar keine Ahnung, wie die Situation eskaliert.“ Dazu rein gitarristische Nummern. Und kritische wie „Glaab I ned“: „Ich bin ein skeptischer Mensch“, so der Musiker. Wie wahr.

Schorsch Hampel ist ein typischer Grantler. Seit dem ersten Bundestagsbeschluss zum Afghanistan-Einsatz ein überzeugter Nicht-Wähler. Und politisch heutzutage nicht mehr einzuordnen, nur in weiter Ferne zur CSU. Früher sei er linksradikal gewesen, später grün, aber das gehe inzwischen auch nicht mehr. In der Zigarettenpause, ja, er ist überzeugter Raucher, sieht er zufällig ein Plakat zu den G7-Protesten: „Die ham da echt alles abgsperrt. Irre“, grantelt er mit rauer Stimme. Seine Art ist aber nicht polternd, sondern fast schüchtern, zurückhaltend.

Hampel hat jede Menge zu erzählen. Wohl deshalb schreibt er derzeit an seiner Biografie, die nächstes Frühjahr mit einer CD erscheinen soll. „Na ja, eher ein Büchlein“, schwächt er ab. Er schreibe im „Neuhausen-Blues“, so der Titel, in der dritten Person, und nicht alle Kurzgeschichten seien autobiografisch. Trotzdem: Der Bub, genannt Conny, um den es geht, wächst zwischen dem zehnten und 17. Lebensjahr in München-Neuhausen auf. Wie er. Geboren 1953 als Sohn eines vertriebenen Sudetendeutschen und einer Bayerin. Mit 13 die erste Gitarre, das erste Riff „Satisfaction“. „Damit war der Kas eigentlich bissen“, wenn auch immer wieder an den Rand gedrängt von diversen Brotbeschaffungsmaßnahmen: Er lernte Eisenbahner wie sein Vater, fuhr Taxi, war Jugendorchesterwart. Ein nicht abgeschlossenes Politikstudium, eine Ausbildung zum Transaktionsanalytiker und Heilpraktiker, die ihn Ende der 1990er-Jahre eine Zeit lang ins Dr.-Sommer-Team der „Bravo“ brachte. Heute gibt er Gitarrenunterricht. „Ohne den und ohne die Zusammenarbeit mit dem BR könnte ich nicht überleben“, sagt er ehrlich. Zumal er musikalisch eher am Rand und zwischen den Stühlen agiert: „Blueser mögen eigentlich keine Mundart, und Mundartler keinen Blues. Dabei passt Bairisch zum Blues wie der Arsch aufs Haferl.“ Außerdem kaufe keiner mehr CDs, und die Veranstalter von Konzerten seiner Musik würden immer weniger. Aber aufhören? Nie.

Schorsch Hampel selbst, Bruder von Musiker Dr. Will, hatte in seinem Leben „vielleicht fünf Gitarrenstunden“. Die Theorie wie Harmonielehre hat er nachts im Taxi gepaukt, die musikalische Fertigkeit autodidaktisch und intuitiv erworben durch intensives Horchen auf seine Helden: B.B. King, Peter Green, Keith Richards und Mick Taylor für die Gitarre, Dylan und John Hiatt fürs Liederverfassen und natürlich und überhaupt der Blues von Skip James und Mississippi John Hurt, von Muddy Waters und Willie Dixon. Auf deren Spuren wandelte der kultige, zweimal geschiedene und kinderlose Sänger anlässlich seines 60. Geburtstages 2013. Entlang des Mississippi. Die Erfüllung eines Traumes.

In Nashville und New Orleans nahm er an Jamsessions teil, in Texas gab er sogar ein Privatkonzert auf Bairisch. Einiges enttäuschte ihn wie die bekannte Musikmeile Beale Street in Memphis („Reeperbahn ohne Sex“), einiges begeisterte ihn wie Nashville („weit und breit die besten Gitarristen“) – und vieles war am Mississippi gar nicht so anders als zu Hause an der Isar.

Schorsch Hampel

„Sog gscheid“ (Focus/BSC). Nächstes Konzert: 16. 6., Stiftung Attl, Wasserburg am Inn; Telefon: 08071/ 102-0.

Marco Mach

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