Alexander, der Held aus der Wirklichkeit

Rosenheim - Die Archäologische Staatssammlung München zeigt im Lokschuppen Rosenheim die Schau „Alexander der Große“.

Ein Mann – viele Kulturen und 23 500 Kilometer Lebensweg. Was wie eine mythische Geschichte klingt, wie von Homer erzählt, war Wirklichkeit: Ein griechischer König aus dem nicht sonderlich wichtigen Makedonien, Alexander genannt (356 bis 323 v. Chr.), eroberte, überzeugte, beeinflusste  fast die ganze Welt – die der Antike. Eine kaum glaubliche Leistung von ihm und den Menschen, die ihm folgten.

Die Archäologische Staatssammlung München und die Rosenheimer Veranstaltungs + Kongress GmbH wollen nun von diesem unfassbaren Schicksal erzählen. Die Archäologische Landesausstellung „Alexander der Große“ bietet 450 Exponate nicht nur aus Bayern, sondern von Leihgebern aus der ganzen Welt – teils noch nie gezeigte Exponate – in einer malerischen Inszenierung im Lokschuppen Rosenheim. Zusammen hatte man sich den „Bajuwaren“, „Kelten“ und „Römern“ gewidmet. Jetzt geht es ab nach Griechenland und von dort hinaus nach Kleinasien, Ägypten, Persien bis nach Indien – auf Alexanders Spur. Noch nie sind dessen Vita und Persönlichkeit in einer Exposition dargestellt worden. Erstaunlich, denn schon in der Antike, lange nach Alexanders frühem Tod, wurden Biografien verfasst. Das Besondere an der Quellenlage ist, dass viele zeitgenössische Dokumente die Zeitläufte bis heute überstanden haben: Tagebücher, Briefe, Akten und Chroniken in Keilschrifttafeln. Natürlich müssen sie interpretiert werden, denn sie sind je nach Perspektive „gefärbt“; eine exzellente Grundlage sind sie trotzdem für diese Lebens-Schau.

Dass sie nicht einseitig wertend ist, dafür sorgten die Experten Ellen Rehm, die als freie Kuratorin quasi den Orient vertritt, sowie Harald Schulze (Griechenland) und Rupert Gebhard (Mitteleuropa), beide von der Staatssammlung. Für den Facettenreichtum sorgen genauso die Menschen um Alexander, ob Mutter Olympias, Freunde, Mitkämpfer, Feinde und seine Frauen. Als Silhouetten stehen sie am Lebens-Weg und berichten uns von diesem Mann. Wissbegierig oder brutal, sentimental oder misstrauisch, blauäugig oder exzessiv lebenslustig – alles scheint sich in dieser Person zu versammeln. Alexander selbst beförderte seinen Mythos wie der beste PR-Stratege. Die Helden der „Ilias“ waren seine Vorbilder, und sein Geschlecht stammte angeblich von Herakles ab. Kein Wunder, dass sich der Makedone später gern als Gott verehren ließ.

Als der Prinz am 20. Juli 356 v. Chr. in Pella geboren wurde, war er allerdings noch weit davon entfernt. Der Besucher, der einen „Palastraum“ betritt, begegnet erst der Mutter, offenbar einer starken Frau. Wunderbar präsent auf einer Goldmünze in feinstem Relief. Sie hielt Schlangen und frönte dem Dionysos-Kult, einem Gott, der von Kleinasien nach Griechenland kam. Vielleicht eine Anregung für den kleinen Alex, nach Osten zu schauen. Der berühmte Lehrer Aristoteles ist anwesend, aber auch der giftspritzende Demosthenes. Und an der kleinen Tafel mit irdenem Geschirr und einem winzigen angesäuselten Herakles erkennt man, dass in Makedonien nicht der große Luxus geherrscht hat. Übrigens treffen wir hier erstmals einen der wichtigsten Freunde Alexanders, sein Pferd Bukephalos. Auf der Kinderebene der Ausstellung erzählt der Rappe in Zeichentrickfilm-Episoden von seinen Abenteuern mit dem Herrscher – aber erst wirft er ihn im hohen Bogen ab.

Die Gestalter der Schau, Space4 aus Stuttgart, geleiten den Besucher anschließend mit gespreizten Speeren aufs „freie Feld“. Alexander beginnt 334 seinen Feldzug und überschreitet den Hellespont (Dardanellen). Wir sehen nicht nur Waffen und kleine Kriegerfiguren – die Perser in Hosen –, sondern bekommen außerdem übersichtlich präsentierte Informationen, was für einen Aufwand so ein Heerzug erforderte: Eine Drachme bekam ein Fußsoldat pro Tag; und mindestens 32 000 waren unterwegs. Knapp eineinhalb Kilo Getreide und gut zwei Liter Wasser für Mann und Tag mussten beschafft werden. Fünf Meter lange Speere mussten geschleppt, Pferde versorgt und Streitwagen gepflegt werden. Aus dieser Art der Präsentation – inklusive Landkarten, Riesenfotos, Filmausschnitten (Oliver Stones „Alexander der Große“) und einer beeindruckend gut gelungenen Animation von Babylon – wird ersichtlich, dass die Rosenheimer Präsentation jeden ansprechen möchte, nicht nur den rein archäologischen Feinschmecker.

Die 1500 Quadratmeter des Lokschuppens werden durch den Wechsel von „Palast“ und „Marsch“ durch die Länder strukturiert. Die Zelte wiederum signalisieren die Schwerpunkte des Kriegszugs: die Schlacht bei Issos, bei Gaugamela, aber auch die Hochzeit mit der geliebten Roxane oder das „Monsunzelt“, auf das unaufhörlich Tropfen prasseln. 70 Tage Regen am Indus: Da streikte das Heer, und Alexander musste umkehren. Er, der Dareios besiegt hatte und persischer Herrscher wurde, zugleich Pharao war, dem die Megastadt Babylon huldigte – hier ist das Tafelgeschirr Luxus pur – und der Bezwinger vieler Reiche bis hin zu Baktrien (Afghanistan) war. All das bedeutete damals Krieg, Kampf und wieder Krieg. Für uns tut sich indes eine Fülle an Kulturen auf: hier der relativ große hellenistische Herkules, voll des süßen Weines, den Alexander als Tisch-Deko stets mitschleppte, dort der persische Soldat als farbiges Kacheln-Relief , hier eine straffe ägyptische Figur und dort die sehr kurvenreichen indischen Damen, hier eine „romanisch“ strenge Frau und dort Dionysos, lässig auf einem Elefanten liegend, hier die griechische Vase und dort orientalischer Schmuck. Selbst ein Tropaion (das Wort Trophäe kommt daher) findet sich. Der hohe Holzpfahl, der wie eine moderne Plastik ausschaut, ist das einzige noch existierende Original. An ihm und um ihn wurden nach der Schlacht die erbeuteten Waffen drapiert.

Nicht ihnen erlag Alexander, sondern der Natur. Er musste sich dem Fieber (oder der Alkoholvergiftung) beugen. Eine Kline (Bett) und Totenschmuck erinnern daran. Nach seinem Tod am 10. Juni 323 in Babylon brachen Machtkämpfe aus. Seine Söhne und ihre Mütter wurden ermordet. Alexander indes lebte weiter in vielen Porträts, Erzählungen, „Reliquien“, die noch von den Römern verehrt wurden. Kaiser pilgerten an sein Grab in Alexandria.

Simone Dattenberger

Bis 3. November,

Mo.-Fr. 9-18 Uhr; Sa./So. 10-18 Uhr; Rathausstraße 24, Tel. 08031/36 59 036; Begleitbuch, Zabern: 24,90 Euro.

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