Lorbeer und Sellerie

- "Jahrhunderte sind da nix: Da hat man erst eine Vorstellung, was Tradition bedeutet." Raimund Wünsche, Chef der Münchner Glyptothek und Antikensammlungen, unterstreicht den enormen Stellenwert, den der Sport im antiken Griechenland einnahm. Die Sieger im Wettkampf waren so berühmt, dass die Zeitrechnung nach ihnen ausgerichtet war, ja so bedeutend, dass alle Siegernamen der Olympia-Läufer vom ersten Sprinter 776 v. Chr. bis zum 287., der 369 n. Chr. gewann, noch heute existieren. Auf langen Fahnen kann der Besucher der Ausstellung "Lockender Lorbeer - Sport und Spiel in der Antike" all die Namen nachlesen.

<P>Auch wenn die Schau anlässlich der aktuellen Olympischen Spiele konzipiert wurde, ist der Ort Olympia nur einer unter vielen. Daneben waren Delphi, Korinth (Isthmien) und Nemea Zentren der "Kranzspiele". Bedeutend auch die Panathenäen in Athen. Das "agonale Prinzip" (Wettkampf) der Griechen dominierte aber nicht nur die Körperertüchtigung, sodass bis zu 500 Agone abgehalten wurden, sondern alle Lebensbereiche. Es gab sogar einen Kontest "Wer ist der schönste Greis?" (ab 50!). Frauen traten im Wollekämmen gegeneinander an, genauso wie Dichter mit ihren Theaterstücken. Der Sieg war alles. Er bedeutete vor allem im Sport Wohlstand - ganz gegen die Schwärmerei des 19. Jahrhunderts vom "reinen" Sport -, Ansehen und die Gewissheit, von den Göttern begünstigt zu sein. <BR>Die genauen Spielregeln zu jenen Zeiten seien nicht detailliert bekannt, so Wünsche. Die Hauptquellen unseres Wissens sind neben Texten die Vasenbilder. München kann aus eigenen Beständen eine sehr gute Auswahl bieten, ergänzt durch Leihgaben. Statuetten, Schabeisen zum Abstreifen von Öl, Sand und Schweiß vom Körper und Salbgefäße machen das Thema anschaulich zusammen mit Ausblicken auf Kinderspiele, Huckepack bei jungen Damen oder Mannschaftssport wie eine Art Hockey. Die großen optischen Akzente setzen Abgüsse vom wunderbar in der Bewegung schwingenden Diskuswerfer bis zum melancholischen, wundenübersäten Boxer.<BR><BR>Hoch bezahlte Profis<BR><BR>Alle antiken Disziplinen sind auf den Vasen und Schalen quasi dokumentiert und in den Antikensammlungen gegenüber der Glyptothek gut präsentiert: Läufer sausen vorbei. Fünfkämpfer bereiten sich vor. Der Diskuswerfer stellt sich zurecht. Man sieht die Weitspringer mit ihren Sprunggewichten in Händen. Die Speerwerfer hantieren mit dem Lederriemen, durch den sie das Geschoss sehr viel weiter schleudern konnten als heute. Bei den Ringern kommen gewichtige Typen ins Bild. Ein zu Boden gehender Boxer signalisiert, dass er aufgeben will. Man schlug nur auf Kopf und Hals; Schnelligkeit und Kondition, weniger Schlagkraft waren entscheidend. Beim Pankration wird gerade dem Gegner der Fuß umgedreht. Luxus pur waren die Wagenrennen; wer konnte sich den Aufwand schon leisten? Höchst elegant nehmen sich die Gespanne auf den Schalen aus.<BR><BR>Top-Sportler, alle bestens ausgebildete Profis, waren Heroen. Kein Gebildeter rümpfte die Nase: Sogar Platon war ein ausgezeichneter Ringer. Den "griechisch-römischen" Stil gab es übrigens nicht, nur Freistil. Die Professionalisierung bedeutete: Man bekam zwar als Sieger nur einen Kranz - je nach Ort Lorbeer, Olivenbaum, Selleriekraut -, daheim aber Steuerfreiheit, Öllieferungen im Wert, den ein Arbeiter in vielen, vielen Jahren nicht verdient hätte, oder Geld. Und mancher musste nicht einmal den Finger krumm machen, sagt die Siegerinschrift von Champion Marcianus: "Als er sich auszog, baten seine Gegner darum, aus dem Wettbewerb entlassen zu werden."</P><P>Bis 31. 5. 2005, Katalog: 29 Euro; Tel. 089/ 59 98 88 30.<BR></P><P> </P>

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