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Mann mit Taktgefühl: Lorin Maazel tritt aus gesundheitlichen Gründen als Chefdirigent der Münchener Philharmoniker zurück.

Aus gesundheitlichen Gründen

Maazel-Rücktritt: Am Boden

München - Wie geht es weiter mit den Münchner Philharmonikern? Für über 40 Konzerte müssen nun Ersatzkünstler gefunden werden, nachdem Lorin Maazel aus Gesundheitsgründen von seinem Amt als Chefdirigent zurückgetreten ist. Eine Katastrophe fürs Orchester.

Es sind Momente, die einen an ganz anderes erinnern. An Slapstickfilme zum Beispiel, in denen der Protagonist zunächst in eine Wasserlache tritt, sich erschrocken umdreht, dabei von einem herabfallenden Brett getroffen wird und auf die Straße taumelt, wo bereits ein Auto naht, das aber gar nicht so weit kommt, weil es in einem riesigen Schlagloch landet, in das der arme „Held“ auch noch selbst hineinstürzt. Und man weiß nicht genau: Soll man entsetzt sein oder über die Absurditäten lächeln? So oder zumindest so ähnlich fühlt sich das an, was sich seit einiger Zeit bei den Münchner Philharmonikern tut und nun seinen vorläufigen Höhe-, in diesem Fall eher Tiefpunkt erreicht hat.

Gerade noch wollte das Orchester mit Chef Lorin Maazel in New York Triumphe feiern. Der erkrankte, ließ sich von seinem umstrittenen Nachfolger und Putin-Unterstützer Valery Gergiev vertreten (der prompt Proteste kassierte). Und nun ist sogar die ganze Ära Maazel Geschichte. Sein Genesungsprozess, so teilte das Münchner Kulturreferat gestern mit, verlaufe „langsamer als erhofft“. Der 84-Jährige werde daher sein Amt als Chefdirigent der Münchner Philharmoniker niederlegen. Eine Katastrophe.

Eigentlich war ja ganz anderes geplant. Eine gloriose letzte Saison mit Lorin Maazel, die gipfeln sollte im großen Abend zum 85. Geburtstag im März 2015. Mit langstieligen Rosen lächelt der Star noch von der Spielzeitbroschüre, die 94 Konzerte auflistet, von denen Maazel stolze 42 dirigieren wollte. Auch wenn er der Stadt und dem Orchester signalisiert hat, er könne durchaus das eine oder andere behalten: Die meisten inklusive der so wichtigen Tournee nach China und Taiwan müssen nun wohl neu besetzt werden. Auch ist nicht klar, was mit dem sogenannten „Chef-Abonnement“ passieren soll, das natürlich schon längst verkauft wurde. Bis Ende Juli wollen die Philharmoniker hierüber ihre Kunden informieren.

Dass es um Lorin Maazel nicht zum Besten steht, hat sich im vergangenen Dreivierteljahr abgezeichnet. Er, der immer wie ein Preisboxer zum Pult zu eilen pflegte, kam nur noch langsam auf die Bühne. Seine Dirigierbewegungen wurden im Laufe der Monate immer sparsamer. Und bei seiner letzten (?) Münchner Konzertserie im März ließ er sich sogar einen Stuhl auf die Bühne bringen – früher undenkbar für einen Künstler, der stets damit kokettierte, wie fit und agil er noch im Alter sei. „Mit schwerem Herzen“, so schreibt Lorin Maazel auf seiner Homepage, habe er die Entscheidung treffen müssen. Und das bei einem Ensemble, das für ihn zu den besten der Welt zähle.

Die Verantwortlichen mochten sich gestern nur zu schriftlichen Stellungnahmen hinreißen lassen. Münchens Kulturreferent Hans-Georg Küppers und Philharmoniker-Intendant Paul Müller waren nicht zu erreichen – auch dies eine Situation, die ungewöhnlich bis bizarr ist gerade im Angesicht der sich überstürzenden Ereignisse. Küppers ließ sein Bedauern mitteilen und seine Genesungswünsche. Müller schrieb: „Das Orchester hat in den letzten Wochen gezeigt, dass es mit solchen Ausnahmesituationen professionell umzugehen weiß.“ Für Orchestervorstand Stephan Haack „war und ist Lorin Maazel ein Glücksfall“. Er freue sich jederzeit auf ein Wiedersehen.

In der internationalen Musikszene behalten die Münchner Philharmoniker damit ihre Stellung als Unglücksraben. James Levine kam seinerzeit de facto nicht über den Status als ständiger Gastdirigent hinaus, mit Christian Thielemann gab es nach Flitterjahren Querelen. Die für drei Spielzeiten geplante Interimsperiode mit Lorin Maazel muss nun auf zwei verkürzt werden. Für die Zeit danach propagierte man zunächst einen Generationenwechsel – und kam dann ausgerechnet auf Valery Gergiev, der nicht nur wegen seiner politischen Haltung, sondern auch wegen seiner in nur wenigen Proben kaum gefestigten Augenblickskunst berüchtigt ist.

Alles Schicksal, das wäre die günstigste Erklärung für die Verantwortlichen bei Orchester und Stadt. Und dennoch bringt einen die Pech- und Pannenserie auf ganz andere Gedanken: Ob hier nicht auch ein Ensemble mangels Weitsicht in eine mehr als unangenehme Situation geschlittert ist? Dabei mag das erste Schlaglicht auf Kulturreferent Hans-Georg Küppers fallen. Doch auch er, der sich so schnell und mit Erfolg ins Kulturleben der Stadt eingearbeitet hat, ist auf Beratung angewiesen. Da Oberbürgermeister und Stadträte nicht immer sattelfest in der Musikmaterie sind, rücken andere ins Blickfeld: der Orchestervorstand, besonders aber auch Philharmoniker-Intendant Paul Müller.

Nicht nur bei den Philharmonikern, die vor Müller Pech mit Intendanten hatten, auch beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks hat sich vor einigen Jahren gezeigt: Der Posten des Managers oder Intendanten ist fast schwerer zu besetzen als der des Chefdirigenten. Für eine künftige Ausrichtung und eine glückliche Zukunft der Münchner Philharmoniker reicht es also nicht, allein über die Männer mit dem Taktstock zu diskutieren.

Von Markus Thiel

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