Loriots Rede zum FC Bayern

- Die Kriegstagebücher von Ludwig Ganghofer hat noch nie jemand gelesen. "Die Gabelsberger Handschrift (die erste kursive Kurzschrift, Anm. d. Red.), in der sie geschrieben sind, beherrschen nur noch fünf Menschen auf der ganzen Welt", erklärt Elisabeth Tworek, die Leiterin des Münchner Literaturarchivs Monacensia. Das Bild des Autors würde sich aufgrund der Tagebücher wahrscheinlich sehr verändern, nur kann sich kein Verlag diesen Aufwand leisten. Klaus Mann hat sein Manuskript "Last Day" in heutiger Handschrift geschrieben, lesen kann man auf den ersten Blick auch nicht viel. Wer sich aber in eine Handschrift einarbeitet, der findet in ihr mehr als im gedruckten Text. Was hat der Autor ausgebessert? An welcher Stelle hat er gestockt? Wo in einem Zug geschrieben?

<P>Peinliche Lücken schließen</P><P>Die Monacensia besitzt nicht nur eine umfangreiche Bibliothek zum Thema München mit rund 130 000 Bänden, sie sammelt auch Autographen und Nachlässe von Münchner Autoren, gibt Biografien in Auftrag und unterstützt die wissenschaftliche Arbeit. "Ich empfinde es als peinliche Lücke, dass Sie mit der handschriftlichen Fassung eines Ihrer Werke fehlen", schrieb Stadtbibiliotheksdirektor Hans Ludwig Held im März 1930 an diverse Münchner Autoren. Stefan George, Bruno Frank, Ludwig Thoma, Heinrich, Klaus und Thomas Mann schickten Handschriftliches, letzter sein einziges Theaterstück "Fiorenza" samt Bühnenskizzen.<BR><BR>"Leider habe ich die üble Angewohnheit, meine Manuskripte, sobald sie in irgendeiner Form vervielfältigt vorliegen, zu verbrennen", antwortete Ödön von Horvá´th, versprach aber, sein nächstes Stück aufzuheben. Trotz wiederholter Anfrage schickte er nichts. Oskar Maria Graf antwortete, dass er mit dem offiziellen München nichts zu tun haben wolle: "Mit einer Stadt, die Theater-Aufführungen eines Spießbürgertums zuliebe inhibiert, die die besten Filme nicht hereinlässt, und mit einer Geistigkeit, die das duldet, habe ich nichts zu tun. Und warum sollte der Münchner Stadtrat seine Manuskriptsammlung mit den Schriftzügen eines proletarischen Schriftstellers verunzieren?" Heute ist die Monacensia stolze - und würdige - Hüterin seines Nachlasses sowie seiner kompletten Wohnungseinrichtung aus der New Yorker Exilzeit.<BR><BR>Elisabeth Tworek wiederholte die Briefaktion vor einem Jahr und schrieb alle 180 zur Zeit in München lebenden Autoren und Autorinnen an, die vom Kulturreferat erfasst sind. Die Resonanz war enorm. "Der Achternbusch hat was gemalt, Loriot hat eine Rede zum FC Bayern in fünf Fassungen und Matthias Politycki seinen Füllfederhalter geschickt, weil er den jetzt nicht mehr braucht. Er arbeitet nur noch am Computer." Im nächsten März werden all diese Materialien in einer großen Ausstellung zu sehen sein. </P><P>Im Begleitprogramm wird die Monacensia der Frage nachgehen, welche Rolle die Handschrift noch spielt. "Das Bewusstsein eines Autors für seine Handschrift war Anfang des 20. Jahrhunderts viel ausgeprägter", bedauert Elisabeth Tworek. Damals wurde der Autograph als "Kunstwerk" verstanden, jetzt schämen sich viele Autoren sogar für ihr Notizbüchlein und fragen: "Wie hätten Sie's denn gerne? Eine Diskette, ein Ausdruck oder eine CD?" Was ist das Original im Computerzeitalter? Handschriftliche Fassungen eines Romans auf verschiedenfarbigem Papier, wie Lion Feuchtwanger sie anfertigte, gibt es nicht mehr.<BR><BR>Die alten Originale sind auch in diesem Sinn historische Dokumente und müssen geschützt werden, auch wenn die Monacensia unter den Finanznöten der Stadt München leidet. Die Digitalisierung der Nachlässe muss teilweise über Sponsoren finanziert werden, viele Sachen können nicht mehr gekauft werden. "So ist uns ein Autograph von Oskar Panizza durch die Lappen gegangen, auf das wir seit Jahren spekuliert hatten: ,Das Liebeskonzil." Zwar gibt es Absprachen zwischen den öffentlichen Einrichtungen, aber es bieten auch Privatpersonen auf dem Autographenmarkt mit. Das wissenschaftliche Anliegen ist es, Zusammengehörendes möglichst an einen Ort zu bringen, Privatkäufer gehen dagegen "ganz irrational vor, die sehen den Ort und die Person und wollen dann einen ganz bestimmten Brief." Einer von Thomas Mann beispielsweise kostet zwischen 600 und 1000 Euro.<BR><BR>Manchmal geht es aber auch ohne Geld. Da ist zum Beispiel die Geschichte von Herrn Gottschall, die wie ein Märchen klingt: "Herr Gottschall war verheiratet mit einer Dame, die die Sekretärin von Liesl Frank-Lustig war, die wiederum die Frau von Bruno Frank war. Vor einem Jahr findet Herr Gottschall auf dem Dachboden zwei Koffer und schaut hinein." Und was er da findet, ist "eine ziemliche Sensation". Unbekannte Fotos von Einstein, Klabund und Thomas Mann, Briefe von Carl Zuckmayer, Alfred Polgar, Erika und Katia Mann. Den Höhepunkt bilden zwei Briefe und eine Trauerrede auf Bruno Frank von Thomas Mann, die ebenfalls bisher unveröffentlicht sind. "Und das alles hat uns dieser Herr Gottschall vorbeigebracht und geschenkt." Elisabeth Tworek strahlt: "Ich mache den Job hier sehr gerne."</P>

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