Das Cover des Lucky-Luke-Bandes „Fackeln im Baumwollfeld“.
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Das Cover des neuen Lucky-Luke-Bandes „Fackeln im Baumwollfeld“, der bei Egmont Publishing erschienen ist.

„Fackeln im Baumwollfeld“

So politisch war Lucky Luke noch nie: Was den neuen Band von seinen Vorgängern unterscheidet

  • Michael Schleicher
    vonMichael Schleicher
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Noch nie haben die Macher von Lucky Luke ihren Helden mit aktuelleren gesellschaftlichen Problemen konfrontiert. Wie der neueste Band mit Rassismus und Gleichberechtigung umgeht: eine Kritik.

  • Am 29. Oktober ist der neueste Lucky-Luke-Comic erschienen.
  • Es ist der 99. Band der berühmte Reihe.
  • Die Franzosen Achdé und Jul haben aktuelle politische Themen in „Fackeln im Baumwollfeld“ verarbeitet.

Nirgendwo ist der Wilde Westen herrlicher als in Europa. Bei Karl May lesen wir etwa von edlen Männern und tiefer Freundschaft. Filmemacher Sergio Leone und andere Italiener inszenierten die Besiedlung Nordamerikas als große Oper – in ihren „Spaghetti-Western“ staubten Helden, Halunken, Pferde und Mäntel eindrucksvoller als in Hollywood. Und gibt es eine wehmütigere, sehnsuchtsvollere Melodie als jene, die Ennio Morricone für Charles Bronsons Mundharmonika in „Spiel mir das Lied vom Tod“ ersonnen hat?

Lucky Luke: Seit 2001 zeichnet Achdé verantwortlich

Einerseits verklärt der Blick von außen, andererseits kann er viel leichter Themen in den Fokus rücken, die schmerzen. Das zeigen nun zwei Franzosen: Seit dem Tod des belgischen Comiczeichners Maurice de Bevere (1923-2001), der seine Arbeiten mit „Morris“ signierte, setzt Achdé dessen Hauptwerk „Lucky Luke“ gekonnt fort. Jetzt erscheint Band 99 – so politisch, auch so deutlich in der Analyse des Heute wie „Fackeln im Baumwollfeld“ war bislang kein Abenteuer des Mannes, „der schneller zieht als sein Schatten“.

Erstmals seit seinem Premieren-Ritt im Jahr 1946 kommt der legendäre Cowboy nun in den Süden der USA – und trifft auf eine tief gespaltene Gesellschaft: Der Bürgerkrieg ist zwar beendet; die Wunden, die er geschlagen hat, liegen jedoch offen. Die einstigen Sklaven misstrauen der Freiheit und fürchten die Rache ihrer einstigen Herren – nicht ohne Grund:  der Ku-Klux-Klan gründet sich, um „die Vorherrschaft der Weißen zu bewahren“, wie es an einer Stelle heißt.

Lucky Luke: Rassismus, Kapitalismus, Bildung - kein Band vorher war so politisch und aktuell

Im Hintergrund des Comics türmt sich also wuchtige Historie auf – und es ist beeindruckend, wie elegant und selbstverständlich Achdé und sein Autor Jul diese Fakten und ihre eigenen Anliegen in die Erzählung integrieren. Natürlich ist dieser „Lucky Luke“ sehr gute Unterhaltung, liebevoll und detailversessen gezeichnet von dem 1961 geborenen Franzosen, der die Initialen seines Namens Hervé Darmenton (gesprochen: Achdé) als Pseudonym wählte. Klar nerven die Daltons die Gesetzeshüter (und erfreuen uns Leser) auch in Louisiana; freilich darf der treue Jolly Jumper das Erlebte altklug kommentieren – und ja, Luke ist schlagfertig, schnell, gewitzt, attraktiv wie eh und je: Beachten Sie nur die Plantagenbesitzerinnen!

Aber Achdé und Jul (bürgerlich: Julien Lucien Berjeaut) erzählen eben auch davon, wie brutal Ausgrenzung und Rassismus eine Gesellschaft zerstören. Als Partner stellen sie Lucky Luke dafür ein historisches Vorbild, US-Marshal Bass Reeves, zur Seite (siehe Kasten). Damit nicht genug: Die mitunter schreiende Ungerechtigkeit des Kapitalismus haben die beiden ebenso auf ihrer Agenda wie das Plädoyer, dass eine Gesellschaft nur weiterkommen kann, wenn der Zugang zu Bildung allen offen steht und Frauen gleichberechtigt sind. Das thematisieren sie mal en passant, etwa wenn die Kinder Oprah und Barack von ihren Traumberufen erzählen („Journalistin“, „Präsident der Vereinigten Staaten“). Oder sehr deutlich, wenn Lucky Luke den Plantagenbesitzer und Ku-Klux-Clan-Chef anbrüllt: „Ehrlich gesagt finde ich ihre ,Zivilisation‘ verabscheuungswürdig.“

Lucky Luke: Eine starke, enorm spannende Geschichte

Unnötig zu erwähnen, dass „Fackeln im Baumwollfeld“ somit eben nicht nur eine starke, enorm spannende Geschichte aus dem 19. Jahrhundert erzählt, sondern vieles über unsere Gegenwart – nicht nur in den USA. Es ist schließlich die Macht der Natur, die den Menschen auf seine schlichte Existenz zurückwirft, dabei die Welt „auf den Kopf“ stellt. Und zum ersten Mal schimmert am Ende des Comics, bei Lukes traditionellem Ritt in den Sonnenuntergang, dann echte Hoffnung auf.

Das historische Vorbild: der US-Marshal Bass Reeves

Den markanten Schnauzer tragen beide – die Comicfigur und ihr historisches Vorbild. Im neuen Abenteuer „Fackeln im Baumwollfeld“ kämpft Lucky Luke an der Seite von Bass Reeves. Der Marshall lebte tatsächlich: Reeves wurde 1838 als Sklave in Arkansas geboren und war 1875 der erste Afroamerikaner, der westlich des Mississippi zum Deputy US-Marshal ernannt wurde. Im Laufe seiner 32-jährigen Karriere in verschiedenen Positionen der US-Polizei hat er mehr als 3000 Verbrecher hinter Gitter gebracht – darunter auch seinen eigenen Sohn. In Feuergefechten tötete Bass Reeves 14 Menschen. Er galt jedoch nicht nur als guter Schütze (Lucky Luke sagt im Comic: „Was habe ich von diesem Haudegen nicht alles gelernt!“), sondern entwickelte einen enormen kriminalistischen Spürsinn. Im Jahr 1992 wurde Reeves in die „Hall of Fame“ des National Cowboy and Western Heritage Museums in Oklahoma aufgenommen.

Achdé/Jul:

„Lucky Luke – Fackeln im Baumwollfeld“. Egmont Ehapa, Berlin, 48 S.; 6,90 Euro (Softcover)/ 12 Euro (Hardcover).

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