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Lucky Luke auf dem treuen Jolly Jumper – und mit Grashalm im Mund statt des Tschicks von einst.

Neuerscheinung

Tod einer Legende

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München - Matthieu Bonhomme gratuliert mit „Der Mann, der Lucky Luke erschoss“ zum 70-jährigen Bestehen der Comic-Reihe.

Dieses Album, das Hommage sein will, beginnt mit einer Unverschämtheit. Die erste Seite ist dreist und unmöglich im doppelten Wortsinn. Nur zwei Panels braucht Matthieu Bonhomme, um seine Leser hineinzuwerfen in ein tristes Wildwest-Kaff; auf dem dritten Bild zeigt er die entsetzten Gesichter der Dorfbewohner, während im Hintergrund ein Geier auf dem Werbeschild eines Bestatters hockt und Ahnung Realität werden lässt: Der Knall, der die Stille zerrissen und Vögel aufgeschreckt hat, gehörte zu einem Pistolenschuss. Dessen Opfer zeigt das letzte Bild, unten auf der Seite – und es wirkt, als würde es von den drei darüber angeordneten erdrückt. Bäuchlings liegt ein Kerl im Dreck: weißer Hut, schwarze Weste, gelbes Hemd, Blue Jeans und ein Halstuch so rot wie Blut. Für all jene, die mit der Ikonografie des frankobelgischen Comics fremdeln, beseitigt die Sprechblase jeden Zweifel: „Ich habe Lucky Luke erschossen!“, brüllt es daraus.

Eine Unverschämtheit. Im Jahr 1946 feierte der Mann, „der schneller zieht, als sein Schatten“ sein Debüt im Comic-Magazin „Spirou“. Der Belgier Maurice de Bevere (1923-2001), der seine Arbeiten mit „Morris“ signierte, hat die Wildwest-Abenteuer erdacht, gezeichnet und (zumindest bis 1955) auch geschrieben. So manchen Wandel haben die Geschichten seit damals durchgemacht – Lucky Luke, berühmt dafür, sich die Kippe lässig mit einer Hand drehen zu können, ist im Lauf der Dekaden gar Nichtraucher geworden. Eines jedoch war so sicher wie die Relation von Körpergröße und Dummheit bei seinen Erzfeinden, den Daltons: gestorben wird nicht. Vor allem der Held blieb stets unversehrt, schließlich war es seine vornehmste Aufgabe, im Schlussbild auf dem treuen Jolly Jumper in den Sonnenuntergang zu reiten und davon zu singen, was für ein armer, einsamer Cowboy er sei. Einen Umstand, den Luke freilich keinesfalls zu ändern gedachte.

Jetzt, zum 70-jährigen Bestehen der Reihe, schickt Bonhomme den Jubilar gleich auf der ersten Seite in die ewigen Jagdgründe. Gibt’s nicht, oder? Der französische Autor und Zeichner nutzt diesen Effekt zum Auftakt von „Der Mann, der Lucky Luke erschoss“, um ein spannendes, dramaturgisch klug gebautes Abenteuer zu erzählen und sich zudem vor der Figur und ihrem Schöpfer zu verneigen. So ist das Album des 43-Jährigen, das soeben auf Deutsch erschienen ist, beides – Hommage und Fortschreibung. Mühelos spielt Bonhomme etwa mit dem Zigarettenmotiv: Immer wieder wird Luke im Lauf der Geschichte, deren Hergang im Anschluss an den tödlichen Prolog erzählt wird, versuchen, sich eine Kippe anzustecken. Immer wieder findet Bonhomme aber Begebenheiten, um eben dies zu verhindern – und so, wie sich die Laune beim Lesen ob dieses „Running Gags“ hebt, so sinkt der Nikotinspiegel beim Helden, der dadurch gereizter wird. Er wird bis zur letzten der 64 Seiten den Geschmack von Freiheit und Abenteuer nicht inhalieren, schließlich hat Morris seiner Figur bereits in den Achtzigerjahren das Rauchen abgewöhnt. Luke hat seitdem meist einen Grashalm statt eines Tschicks im Mundwinkel hängen.

Zum Jubiläum hat der Cowboy natürlich weder seine Anziehungskraft auf Frauen, noch seine Traumfigur (er trug bereits „Skinny Jeans“, bevor die erfunden wurden) und schon gar nicht seine Schnelligkeit eingebüßt. Bonhomme beweist das in seinem optisch behutsam modernisierten und von auserzählten Nebenfiguren entschlackten Album. Natürlich ist die Geschichte um Froggy Town, in der Luke den Überfall auf eine Postkutsche aufklären soll und es mit einer tyrannischen Familie zu tun bekommt, obendrein spannend. Nur das eigene Alter scheint dem Titelhelden wurscht zu sein. Auf die Frage, wie viele Jahre er eigentlich zähle, meint er schulterzuckend: „Weiß nicht genau. Dreißig vielleicht.“ Darauf der Fragesteller: „Sie wissen es nicht? ,Der alterslose Cowboy‘! … Perfekt für eine Legende.“ Ja, die ist er. Glückwunsch, Lucky Luke – auf ein langes Leben.

Matthieu Bonhomme:

„Der Mann, der Lucky Luke erschoss“. Egmont, Berlin, 64 Seiten; 15 Euro.

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