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„In unserer Welt ist wenig Platz, konsequent seiner Intuition zu folgen“, sagt Lucy Wirth.

Lucy Wirth über ihre Rolle als „Käthchen von Heilbronn“

München - Sie war das Münchner Theaterereignis der vergangenen Spielzeit. Damals begeisterte Lucy Wirth Publikum und Kritik in der Titelrolle von Gerhart Hauptmanns „Rose Bernd" (Regie: Enrico Lübbe). Jetzt hat Dieter Dorn die junge Schweizerin, die 1984 in Zürich geboren wurde, als „Käthchen von Heilbronn" besetzt.

Mit der Inszenierung des Kleist-Klassikers verabschiedet sich der 75-Jährige als Intendant des Bayerischen Staatsschauspiels. Am Samstag, 12. Februar, ist Premiere.

Das „Käthchen von Heilbronn“ ist Dieter Dorns letzte Inszenierung als Intendant des Bayerischen Staatsschauspiels. Wie ist die Stimmung?

Gut! Da wir bei den Proben sehr im Moment sein müssen, spielt der Abschied überhaupt keine Rolle.

Sie sind seit eineinhalb Jahren im Ensemble des Staatsschauspiels. Jetzt arbeiten Sie zum ersten Mal mit Dieter Dorn...

Ich finde es ganz toll. Dieter Dorn weiß einfach, wie man mit Schauspielern umgehen muss. Er hat eine unglaublich große Erfahrung. Er ist begeistert und gelassen gleichzeitig. Ich kann ihm sehr gut vertrauen. Dorn liebt Kleist und hat ein wahnsinnig tiefes Verständnis und gutes Gehör für dessen Sprache. Ich habe so viel Handwerkliches von ihm gelernt wie bisher von keinem anderen Regisseur.

Wie war Ihre erste Reaktion, als Sie erfahren haben, dass Sie das Käthchen spielen werden?

Ich war in Dorns Büro, um ihm zu sagen, dass ich mit einer bestimmten Regisseurin bei uns am Haus arbeiten möchte. Er hat gesagt, dass das nicht gehen wird, weil ich da bei ihm als Käthchen besetzt bin. Da bekam ich einen trockenen Mund und hab nur „Danke“ gesagt.

Was macht für Sie der Reiz dieser Rolle aus?

Käthchen ist eine absolut unwirkliche, märchenhafte Figur.

Märchenhaft?

Sie ist eine radikale, fast schon totalitäre Frau, die genau weiß, was sie will. Obwohl: Es ist falsch zu sagen, dass Käthchen weiß, „was sie will“. Es will einfach etwas in ihr. Deshalb finde ich sie so märchenhaft, weil sich ihre Motivation nicht aus dem realen Leben nehmen lässt.

Käthchen folgt ihrem Traum, der ihr sagt, dass Graf vom Strahl ihr Mann sein wird. Dies gibt ihr die Kraft, alle Schmähungen auszuhalten. Ist Käthchen eine emanzipierte Frau?

So würde ich sie nicht beschreiben. Ich würde aber auch nicht sagen, dass sie unemanzipiert ist. Für mich ist sie jenseits solcher Überlegungen. Sie besteht nur aus Emotion - und aus dem Teil des Magneten, der für die Anziehung zwischen ihr und Strahl verantwortlich ist. (Lacht.) Es ist sogar schwierig, über sie zu reden, weil sie so unrealistisch ist. Ich habe schnell aufgehört, in politischen Begriffen über sie nachzudenken. Ich finde, es stimmt auch nicht, wenn man sagt, dass Käthchen einen Traum hat. Das ist zu realistisch, zu zielorientiert. Ich glaube, dass etwas in ihr ist, das weiß, was sie braucht und was sie will. Es ist aber auch zu rational zu sagen, sie „will“ etwas ...

Ist es eine Ahnung?

Ich sehe das viel physikalischer. Es ist Magnetismus, ein Imperativ. Es hat etwas Tierhaftes. Es ist ein Instinkt, der durch ihre Vision geboren wird. Dieser Instinkt ist befriedigt, wenn sie bei ihrem Mann ist. Dann ist Käthchen glücklich. Ist das nicht der Fall, ist sie in Not.

Wie haben Sie sich ihr genähert?

Ich untersuche sehr gern alle Welten, die in einem Stück vorkommen. Und ich überlege sehr genau, was passiert ist, bevor eine Figur in eine Szene geht. Irgendwann kommt der Punkt, an dem man all das wieder vergessen muss, weil man es sowieso verinnerlicht hat. Dann ist es wichtig, einfach zu probieren.

Das klingt rational.

Es ist beides. Wie bei Kleists Sprache: Man muss genau wissen, warum man etwas sagt. Zugleich ist es aber wichtig, alles Rationale loszulassen und zuzulassen, dass etwas mit einem passiert. Das gilt natürlich besonders für Käthchen, weil sie so eine irrationale Figur ist.

Feiert Kleist das Irrationale, Traumhafte?

Ich könnte mir gut vorstellen, dass Kleist gerne ein bisschen wie Käthchen gewesen wäre. Ich glaube, das würde uns allen guttun. Es ist ein schönes Gefühl zu wissen, was im Leben richtig ist. Käthchen weiß es. Kleist hatte diese Gewissheit überhaupt nicht. Er war ein großer Zweifler.

Kennen Sie das aus Ihrem Alltag - zu wissen, was richtig ist?

(Lacht.) Nicht so wie Käthchen. In unserer Welt ist wenig Platz, derart konsequent seiner Intuition zu folgen. Das geht nur im Märchen.

Bedauern Sie das?

(Lange Pause.) Ja. Schon. Deshalb spiele ich wahrscheinlich diese Figur so gern.

Folgt ein Schauspieler nicht auch seiner Intuition?

Doch, vielleicht kann man das wirklich vergleichen. Wer sich verliebt, kennt dieses Gefühl auch, dass man sich hingibt, ohne sich bewusst dafür zu entscheiden und ohne zu wissen, was mit einem passieren wird. Dass ich diesen Beruf gewählt habe, hat mit Leidenschaft zu tun. Und jede Leidenschaft hat mit einem Imperativ zu tun, dem man folgt.

Das Gespräch führte Michael Schleicher

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