Luder mit Engelsgesicht

- Nein, sie ist nicht nur die Klassik-Fernsehtante, die sich in den 70er-Jahren so gern "die Ehre gab" und mit ihrem "Traumland Operette" ungefragt in unsere Wohnzimmer eindrang und nur zu gerne etwas mitgehen ließ - die Herzen ihres Millionenpublikums. Ein gesamtdeutsches Phänomen.

Nein, wenn heute von Anneliese Rothenberger die Rede ist, steht natürlich die große Opernsängerin im Zentrum der Betrachtung. Denn Anneliese Rothenberger gehört zu den erfolgreichsten deutschen Sängerinnen der Nachkriegszeit. Berühmt geworden ist die in Mannheim geborene Sopranistin vor allem als Mozart- und Richard-Strauss-Interpretin. Ihr besonderes Timbre und ihre Darstellungskunst machten sie zu einem begehrten Gast an den namhaften Opernhäusern der Welt. Am 19. Juni wird die Künstlerin 80 Jahre alt.

In Salenstein am schweizerischen Ufer des Bodensees ist die Kammersängerin seit langem zu Hause. Ihren runden Geburtstag will sie jedoch nicht feiern: "Ich habe sogar eine Gala im ZDF abgesagt, ich möchte den Rummel nicht." Dass sie noch gefragt sei, genieße sie zwar schon. "Das größte Geburtstagsgeschenk" sei jedoch, ihren Wunsch nach Zurückgezogenheit zu respektieren.

Ihre Verehrer unter den Kritikern bezeichneten die zartgliedrige, blonde Sängerin mit dem berühmten Silberblick einst als "Lady von damenhafter Schönheit, gewitzt, intelligent, geschäftstüchtig und begabt". Doch als "Lulu" in Alban Bergs gleichnamiger Oper konnte sie auch zum "Luder mit Engelsgesicht" werden, wie der Kritiker der "New York Times" einst schrieb, als die Sängerin mit dieser Titelpartie Triumphe an der Met feierte.

Ihre Begabung zeigte sich schon früh, so dass sie in Mannheim an der Musikakademie Gesangsunterricht bekam. Nach ihrem Debüt am Stadttheater Koblenz wurde sie 1948 Ensemblemitglied der Hamburger Staatsoper, bis sie 1956 nach Düsseldorf wechselte und ein Jahr später nach Wien. 1952 war Rothenberger erstmals bei den Edinburgh Festspielen zu Gast und legte damit den Grundstein für ihre internationale Karriere. Bald darauf folgte eine Einladung zu den Salzburger Festspielen, denen sie bis 1973 die Treue hielt.

1960 gab sie ihr umjubeltes Debüt in New York als Zdenka in der Strauss-Oper "Arabella", 1961 ein Gastspiel an der Mailänder Scala. Und dazwischen immer wieder die Bayerische Staatsoper.

1983 beendete sie ihre Opern-Karriere, 1989 gab sie ihren letzten Liederabend. Zu einem Comeback ließ sie sich nicht überreden. Lieber sei ihr der Satz "Schade, man hört Sie gar nicht mehr" als "Die Alte singt immer noch", befand sie einmal. Seit Jahren pflegt sie ihr Hobby, die Malerei. In der Künstlerszene schon fast Seltenheitswert hatte ihre 44 Jahre dauernde Ehe mit dem Journalisten Gerd W. Dieberitz, der auch ihr Manager war. Er starb 1999 an Krebs.

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