Das Luder Lydia

- Nicht zu viel erklären, nicht zu viel analysieren. Denn das bekommt nicht jedem Text, das verträgt nicht jede Aufführung. Im Werkraum der Münchner Kammerspiele wurde "Stadt, Land, Fisch" von Paul Brodowsky uraufgeführt. Ein kleines Theaterstück, auf die Bühne gebracht im Rahmen der Autorenwerkstatt.

Keine Handlung, keine szenischen Situationen, keine Dialoge. Die Figuren erklären sich monologartig selbst. Natürlich geht's - das ist immer am einfachsten - um miese Verhältnisse, um Liebe und Lüge. Alles ein bisschen vage - kein Ort, keine Zeit. Der Mann, der einmal Fischer war, lötet jetzt Computerschrott zusammen; die Tochter dagegen spricht von "Schwarzküche" und vorsintflutlichem Wäschewaschen. Das rückt die sechs Figuren ins Märchenhafte, ins Unwirkliche, manchmal sogar ins Geheimnisvolle. Eine Wirkung, die sich nicht beim Lesen des Textes einstellt, wohl aber wenn er in der sehr beziehungsreichen Inszenierung von Regisseur Laurent Ché´touane "dargestellt" wird.

In der Mitte des "nackten" Werkraums ein großes, quadratisches Podest. Ein überdimensionaler Tisch; jenes Möbel, das als familiäres Zentrum gilt (Bühne: Marie Holzer). In der Mitte ein Wasserbassin mit einem einsamen Karpfen, der alsbald geschlachtet und zerlegt wird. An den Ecken der Tafel sitzen die Mitglieder zweier Familien - Vater, Mutter und Sohn Brasser sowie Vater, Mutter und Tochter Arde. Leute, die sich zwar vom armseligen Dorfleben her kennen, aber - jetzt in der Stadt vegetierend - nicht kennen wollen. Doch nicht nur Sohn und Tochter sind durch eine schwierige Liebe aneinander gekettet. Auch die eine Mutter mit dem anderen Vater, der auf seinem Angelboot gegen Zahlung mit Fisch gern noch deren Tochter Lydia vernascht hat.

Eine fischige Angelegenheit sozusagen. Der man aber gerne zuschaut. Denn Ché´touane und seinen Schauspielern gelingt es, eine dichte Atmosphäre zu schaffen. Als seien sie alle einem großen Fangmeister ins Netz gegangen, schnappen sie mit dürftigen Worten und vielsagenden Blicken, Gesten, Anspielungen nach Luft. Die Fäden ziehen hier vor allem zwei Frauen: Wiebke Puls als Mutter Arde - wunderbar komisch in ihrer gespielten Laszivität und krakenhaften Erotik. Und Brigitte Hobmeier, die ihr als ihre Tochter, das Luder Lydia, an herausfordernder Sinnlichkeit in nichts nachsteht.

Ein Abend der feinen Zeichen, der leisen Komik, der unterschwelligen Trauer. Dazu tragen ferner kompetent bei: die Schauspieler Cristin König, Peter Brombacher, Walter Hess und Matthias Bundschuh. Keine schlechte Visitenkarte für den jungen, allerdings noch viel zu symbolverliebten Autor.

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