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Das erste und bisher einzige Bild, das Sabin Tambrea als Märchenkönig Ludwig II. zeigt. Die Dreharbeiten beginnen für den Schauspieler Ende Juli.

„Ludwig II.“ ganz neu

München - Das Leben Ludwigs II. wird - wieder einmal - verfilmt. Von Ende Juli an wird in Bayern und Österreich gedreht. Die Rolle des Märchenkönigs spielt Sabin Tambrea vom Berliner Ensemble. Der gebürtige Rumäne tritt damit in die Fußstapfen von O. W. Fischer und Helmut Berger.

Und schon wieder ist Ludwig fremdbestimmt: Sagen darf Sabin Tambrea über seine erste Kino-Hauptrolle (noch) nichts. Am Telefon verweist der 1984 in Rumänien geborene Schauspieler auf die Presseagentur, die „Ludwig II.“ betreut. Deren Entscheidung: Vorerst soll es keine Interviews geben. Schade, denn neben Helmut Dietls „Zettl“ ist „Ludwig II.“ der spannendste deutsche Kino-Dreh des Jahres - mit einem Hauptdarsteller, der bislang vor allem die Theaterbühne kennt: Seit seinem Abschluss an der renommierten Berliner Schauspielschule „Ernst Busch“ im Jahr 2009 ist Tambrea am Berliner Ensemble engagiert - und hier etwa als Melchior in Claus Peymanns Inszenierung von Wedekinds „Frühlings Erwachen“ zu sehen.

In „Ludwig II.“ spielt Sabin Tambrea unter der Regie von Peter Sehr und Marie Noëlle („Die Frau des Anarchisten“), die auch das Skript schrieben. Natürlich wird die Produktion, die im Dezember 2012 in die Kinos kommen soll, mit anderen Ludwig-Filmen verglichen. Als Referenz gilt nach wie vor die Arbeit des italienischen Regisseurs Luchino Visconti (1906-1976), der die Hauptrolle Helmut Berger übertrug. Etwas mehr als vier Stunden dauert sein „Ludwig II.“, der zunächst nur bei der Premiere ungekürzt zu erleben war: Die Proteste - vor allem - gegen die homoerotischen Anspielungen waren so heftig, dass der Film nur in einer zensierten zweieinhalbstündigen Fassung ins Kino kam. Viscontis Verdienst ist es, eine Bildsprache gefunden zu haben, die sich an der detailverliebten, schwelgerischen Üppigkeit von Historiengemälden orientiert. Sein Film war eine Ausstattungs-Orgie, des Themas also absolut angemessen. Zudem durchliebt und -leidet Helmut Berger beinahe beängstigend wahrhaftig Ludwigs Leben. Er sollte, welch Tragik!, in keiner anderen Rolle je wieder so glänzen.

Fast parallel zu Visconti drehte Hans-Jürgen Syberberg 1972 „Ludwig - Requiem für einen jungfräulichen König“. Der Regisseur, 1935 in Vorpommern geboren, besetzte die Titelrolle mit Harry Baer, einem künstlerischen Mitarbeiter Rainer Werner Fassbinders, der durch diesen zur Schauspielerei kam. Syberbergs Film ist der ästhetische Gegensatz zu dem Viscontis: Er inszenierte die 140 Minuten nahezu statisch als „lebendes Bild“, bei dem (fast) alle Figuren (fast) immer gleichzeitig vor der Kamera stehen. Zudem nutzte Syberberg Mittel des Theaters, etwa gemalte Bühnenprospekte. Mit all dem verfolgte er sein Ziel: Der Zuschauer sollte begreifen, wie der Monarch nach dem Tod ein Mythos werden konnte.

Ganz anders ist dagegen der Ansatz von Helmut Käutner (1908-1980). Sein Film aus dem Jahr 1955 trägt nicht grundlos den Untertitel „Glanz und Elend eines Königs“. Käutner wollte ein „Volksmärchen“ erzählen. Prompt wurde sein Film als „Kitsch“ kritisiert, den einzig Hauptdarsteller O. W. Fischer erträglich mache. Um an Originalschauplätzen drehen zu dürfen, legte Käutner das Drehbuch dem Haus Wittelsbach vor - und sparte etwa das Thema Homosexualität aus.

Während bei Käutner der Monarch an der Ignoranz seiner Umgebung zugrunde geht, inszenierte Rolf Raffé den König in „Das Schweigen am Starnbergersee“ (1920; die Ortsangabe in diesem Titel wurde zusammengeschrieben) als Opfer einer Ministerintrige, gegen die er zuletzt wehrlos ist. Konsequent stirbt hier denn auch die von Ferdinand Bonn gespielte Titelfigur auf der Flucht an Herzversagen. Ebenfalls als Opfer, doch ergänzt um den Blick auf Ludwigs Innenleben, seine Ängste und Träume, zeigt Wilhelm Dieterle den Herrscher in „Ludwig der Zweite, König von Bayern“ (1930). Die Freundschaft zu Richard Wagner, in vielen Filmen ein wichtiges Motiv, spielt hier dagegen keine Rolle. In der neuen Produktion wird das wieder anders: Edgar Selge hat für die Rolle des Komponisten zugesagt. Die Macher des neuen „Ludwig II.“ wollen ein vielschichtiges Bild des Mannes zeichnen, der vor 125 Jahren starb: „Er verkörpert die Hoffnung auf ein besseres Leben“, sagt Matthias Esche, Geschäftsführer der Produktionsfirma Bavaria-Film. „Hochbegabt und diszipliniert in seinen musischen Ausrichtungen glaubt er an die Veredelung der Menschen durch Kunst und Musik. Unser Film erzählt in der getreulichen Ausstattung seiner Zeit, wie Ludwig scheitern muss als Visionär, als König und auch als innerlich freier Mensch.“

Michael Schleicher

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