Kein Schöngeist – mehr so der Heimwerker: Otto Mairhofer (Helmut Schleich, re.) wird in „Ludwig IV.“ zum König, interessiert sich aber nicht für die Etikette. Auf unserem Foto mäht er Rasen vor Schloss Nymphenburg – sein Berater (Sebastian Knözinger) kann’s ihm nicht ausreden. Foto: Kurzendörfer

Ludwig IV.: Seine Majestät, der Grattler

Herrenchiemsee - "Ludwig IV": Der Kabarettist Helmut Schleich spielt an sechs Abenden auf der Insel Herrenchiemsee einen Bayern-König wider Willen.

Die Wand in Schloss Herrenchiemsee bröselt weg wie ein Sandkuchen, es ist zum Verzweifeln. Ludwig IV. schreit nach seinem Haushofmeister: „Chantal, fahr’ auf Rosenheim nei zum Obi, i brauch’ an 15er-Dübel.“ Der neue König will sein prunkvollstes Schloss ummodeln - das weltberühmte „Tischlein Deck Dich“ im Speisesaal hat er schon weggeflext. Ludwig heißt eigentlich Otto Mairhofer, betreibt einen Getränkeladen an der Münchner Kistlerhofstraße - und hat’s gerne ein bisserl praktischer als sein Vorgänger, der Häuslebauer Ludwig II.

Man stelle sich das einmal vor: Wir haben endlich wieder einen König. Mit Hermelin und Krone, und er wohnt im Märchenschloss. Dumm nur, dass er kein Wittelsbacher ist. Er ist überhaupt kein Adliger. Er ist, man muss es leider sagen, ein Grattler aus Sendling, den man mit Hinterlist, aber per Zufall aus dem Telefonbuch ausgewählt hat. Das macht die Sache kompliziert - und saukomisch. Kabarettist Helmut Schleich, der den Vorstadt-Don-Quichote Mairhofer spielt, schmunzelt: „Ja, der Otto ist mehr ein Heimwerker als ein Schöngeist.“

Vor allem ist er arglos. Das Innenministerium hat den Entschluss gefasst, die Monarchie wieder einzuführen, weil man einen König als Sündenbock braucht, „wenn die Dinge in der Staatskanzlei mal wieder aus dem Ruder laufen“. Ein König aus dem Volk: Der engagierte Mairhofer ergeht sich erst einmal in Allmachtsfantasien („den Valentinstag benennen wir in Liesl-Karlstadt-Tag um!“; „ich führe den Nackerte-Weiber-Dienstag ein!“). Doch bald merkt er, dass hier ein bisschen viel von ihm verlangt wird: Er scheitert an der Etikette.

Eine Situation, in der sich der Ausnahme-Kabarettist Schleich nach Herzenslust austoben kann. Gerade erst hat der 43-Jährige in seiner Rolle als Franz Josef Strauß den ansonsten recht peinlichen Starkbieranstich auf dem Nockherberg gerettet. Jetzt spielt er in „Ludwig IV. - Ein echter König geht nicht unter“ den sogenannten kleinen Mann, der zum Monarchen aufsteigt. „Die Männer aus dem Volk, die dann zu Herrschern werden, liegen mir einfach“, sagt er lachend.

Das Besondere: Das Programm findet von 1. bis 6. Juni tatsächlich in Schloss Herrenchiemsee statt (siehe Kasten). Aber was ist das denn nun für ein Programm - Kabarett, Theater-Parodie? „Ein bisschen was von beidem - und noch mehr“, sagt Schleich. Das Publikum erwartet nicht nur Satire mit etlichen Seitenhieben auf die aktuelle Politik. Die Zuschauer bekommen außerdem erst einmal eine geschichtliche Führung durch einen kleinen Teil des Schlosses. Schleich: „Wir liefern eine Art Infotainment-Revue.“

Die Führung übernimmt Thomas Merk, studierter Historiker, König-Ludwig-Kenner und seit langen Jahren Schleichs Co-Autor. Von ihm stammt auch die Grundidee für die Handlung: „Vor zehn Jahren dachte ich mir: Wie wäre das eigentlich, wenn einer von meinem Motorrad-Stammtisch per Zufall König werden würde? Was würde der machen?“ Merk wird die einzelnen Szenen immer wieder unterbrechen und Parallelen zum echten König Ludwig aufzeigen. Denn die gibt es tatsächlich: Auch Ludwig II. war als junger König engagiert und progressiv, erst nach den beiden Kriegen Bayerns 1866 und 1870/71 zog er sich in seine absolutistische Märchenwelt zurück. Seine Allmachtsfantasien sind weltberühmt - eine davon: Schloss Herrenchiemsee. „Es eignet sich als Kulisse perfekt“, sagt Merk. „Denn Ludwig hat hier nie wirklich residiert, er lebte in einer Einliegerwohnung. Das Schloss selbst ist eine Art Theater-Kulisse nach Vorbild von Versailles.“

Eine unfertige: Ein Großteil des feudalen Gebäudes ist nie über den Rohbau hinausgekommen. Das Stück wird denn auch in einem großen Rohbau-Treppenhaus stattfinden. „Es hat eine fulminante Akustik - besser als jeder Theatersaal“, schwärmt Schleich. „Auch wenn unser Techniker zehn Kilometer Kabel neu verlegen musste.“ Seit ein paar Jahren veranstalten Schleich und Merk ein Kabarett-Programm auf einem Chiemsee-Schiff. Letztes Jahr zeigte sich die Bayerische Schlösser- und Seen-Verwaltung dann offen für den Vorschlag, es im Schloss zu versuchen. „Es wird eine wahrhaft königliche Atmosphäre sein, abends allein auf der Insel“, verspricht Merk.

Allein mit Schleich, der - unterstützt unter anderem von zwei Jodlerinnen, der Musikgruppe „Pitu Pati“ und einer chinesischen Wagner-Sängerin - den Grattler-König mimt. Eine Hommage: „Der Vorstadt-Grattler ist eine aussterbende Gattung“, betont Schleich. Er droht auch im Stück eine solche zu werden, denn der widerspenstige König ist dem Innenministerium bald ein Dorn im Auge.

Ausführen darf die Intrige Chantal Fontainbleau (Sebastian Knözinger). Er ist Chef der Agentur „Karriere Royal“ und soll Otto Mairhofer als Haushofmeister Manieren beibringen - aber er beißt sich an seinem heimwerkelnden und bauernschlauen Zögling die Zähne aus. „Wir haben Rudolph Moshammer zum Mode-Zar gemacht und Franz Beckenbauer zum Fußball-Kaiser“, seufzt Knözinger und lacht. „Aber dass dieser König gleich so aus dem Volk kommt, das konnte ja keiner ahnen.“

Johannes Löhr

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