Ist die Lücke ein Nichts ?

- Immer unterwegs. Lynda Gaudreaus Heimatstadt ist das kleine kanadische Sept-Iles am Mündungstrichter des Sankt-Lorenz-Stroms. Aber nachdem das belgische Klapstuckfestival 1992 klug auf ihre choreographische Begabung gesetzt hatte, ist sie die Hälfte des Jahres Festival-Jetterin zwischen Montreal, Brüssel, Gent, London, Paris, Wien und Münchens Tanzwerkstatt Europa (TWE). Heute und morgen macht ihre Compagnie de Brune in der Muffathalle den Auftakt mit Teil 3 eines 1998 begonnenen Laboratoriums: "Encyclopaedia - Document 3".

<P>Wenn die Tänzer Mikros tragen</P><P>Ein Stück, in dem wie in einer Enzyklopädie Bewegung, Literatur, Video, Fotografie, Installation versammelt sind. "Auch Arbeits-Fragmente von Kollegen, von Vera Mantero und Akram Khan, die ich so quasi dokumentiert habe", erklärt sie ihren Titel.<BR>Ihr bei der TWE 99 gezeigtes "Still Life N° 1" wirkte ausgesprochen skulptural, ganz nah an der bildenden Kunst. "Das ist eine Grundeinstellung bei mir", stimmt die ehemalige Studentin der Kunstgeschichte zu. Die Fragen, die sich in der bildenden Kunst stellen, das sind genau meine Fragen. Und eben diese reizen mich, sie in Bewegung zu übersetzen."<BR><BR>Sind es denn immer Fragen, die den choreographischen Prozess beginnen? "Ja, immer", lacht sie spontan. "Bei ,Document 3 habe ich mich gefragt: Was geschieht, kurz bevor man sich bewegt? Was danach? Was zwischen zwei Aktionen? Und ist die Lücke dazwischen etwas oder ist sie ein Nichts? Welches sind die neuromotorischen Auslöser und Schnittmuster? Meine Recherche zielte diesmal auf die Intention vor der Bewegung."<BR><BR>Das Suchen, die Recherche - Gaudreaus eigentliches Medium: "Meine Idee ist nicht, immer etwas Neues zu präsentieren - was sowieso nicht möglich ist -, sondern den Zuschauer dahin zu bringen, Bekanntes auf andere, ungewohnte Weise zu sehen. Wie muss ich die Zeit behandeln, wie den Raum, sodass sich die Wahrnehmung des Betrachters verändert. Francis Bacon zum Beispiel, seine Bilder sind zweidimensional, in diesen monochromen Farben, und gleichzeitig erkennt man doch menschliche Formen, diese großen Fleischstücke. Und er meinte: Je artifizieller das Gemalte ist, um so realer wird es. Das trifft es. Je mehr ich mein Material behandele, es transformiere, je eher habe ich die Chance, etwas zu realisieren."<BR><BR>Da ihr Musik im Tanz wie "eine Maskierung" der Bewegung erscheint, hat sie hier mit den Sound-Künstlern Christof Migone und Alexandre St-Onge gearbeitet. Alle ihre Tänzer tragen Mikros. Und die durch verschiedene Körperaktionen erzeugten Töne und Geräusche werden nochmals ergänzt, aufgeschichtet durch bereits im Studio konservierte Soundmassen und Störungen. "Es ist eine Art Physikalisierung von Klängen."<BR><BR>Und wie sieht Lynda Gaudreaus die freie Tanzszene in Kanada? "Es ist, bedauerlicherweise, auch bei uns, immer noch das System der Compagnien; ein Modell, das für mich völlig veraltet ist. Ich wollte nie eine feste Compagnie. Abgesehen von einem kleinen Kern, kommen und gehen bei mir Tänzer und Mitarbeiter. Ich ziehe diese Arbeitsweise vor, um selbst in einem instabilen Zustand zu bleiben. In Montreal hat man letzthin unheimlich viel Geld in die Renovierung und den Neubau von Theatern gesteckt. </P><P>Jetzt haben viele Regisseure ihr Zuhause, aber ich glaube nicht, dass dadurch tatsächlich das Schöpferische gefördert wird. Was wir vor allem brauchen, sind feste Orte, aber doch offene Einrichtungen, für alle möglichen Künstler. Wo zum Beispiel ein Choreograph und ein Regisseur zusammenarbeiten, und nach zwei Jahren, bonjour, können andere den Ort nutzen. Es darf sich kein Komfort einstellen", sagt die "Nomadin" Gaudreau und reißt ihre Utopie an: "Man sollte einen großen Kreislauf schaffen, in dem Künstler und Ideen frei zirkulieren."<BR></P><P> </P>

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